Tipps für eine Radtour durch Neufundland/Labrador
Die kanadische Provinz Neufundland/Labrador besteht aus zwei völlig verschiedenen Regionen: Der Insel Neufundland und dem arktisch geprägten Labrador, das an die Provinz Quebec grenzt. Eine Radtour auf Neufundland ist leicht möglich, die Straßen sind gut ausgebaut, es gibt genug Einkaufsmöglichkeiten und die Landschaft ist abwechslungsreich. In Labrador sieht es das dagegen völlig anders aus. Ulf Hoffmann berichtet von seiner Radtour durch diese Provinz:
Labrador verfügt über nur sehr wenige Straßen. Erst vor einigen Jahren ist eine Straße eröffnet worden, die eine Rundtour durch Labrador und Quebec über den Trans-Labrador-Highway möglich macht. Während man durch Neufundland auch mit wenig Wildniserfahrung radeln kann, sollte eine Tour durch Labrador gut vorbereitet werden und ist auch nur Radlern zu empfehlen, die schon mal Kontakt mit der Wildnis hatten. Große Distanzen ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne Städte oder Dörfer müssen auf Schotterpisten überwunden werden. Oft sieht amTag mehr Bären als Menschen.
Wie kommt man hin? Wo kommt man meist an?
Mit dem Flugzeug. Einziger internationaler Flughafen Neufundlands ist St. John´s. St. John´s ist die Hauptstadt der Provinz und wird auch von Deutschland aus angeflogen. Die Stadt ist überschaubar, man kann auf dem Campingplatz übernachten oder in einem der zahlreichen Hostels oder Hotels. St. John´s bietet auch eine große Auswahl an Einkaufsmöglichkeiten. In der Innenstadt gibt es einen gut ausgestatteten Outdoor-Laden ("The Outfitters"), in dem man sich auch mit Pfefferspray und sonstige wichtige Sachen für die Tour ausrüsten kann (Mückenspray nicht vergessen).
Wie sollte man die Touren planen?Hängt vom Zeitbudget ab.
- Rundreise Neufundland
kann man in zwei bis drei Wochen schaffen (wetterabhängig und ob man wirklich jede kleine Straße radeln möchte). Wer mehr Zeit, umso besser. Neufundland ist sehr abwechslungsreich, dichte Wälder, offene Moore und an der Nordostküste baumlose Landschaften, die an Island oder Schottland erinnern. Besonders interessant zum Radeln sind die stillgelegte Eisenbahnlinien. Allerdings sind sie nicht überall auch einfach zu radeln. Die Ausschildung ist miserabel, die Qualität der Schotterpiste sehr unterschiedlich. Der Verkehr ist minimal. Nur ein paar Quads wird man treffen, ansonsten eher Schwarzbären. Die Strecke ist nicht überall leicht einsehbar und hin und wieder auch stark zugewachsen, was zu überraschenden Begegnungen mit Meister Petz führen kann. Eine klassische Rundtour ist aufgrund der wenigen Straßen auf Neufundland aber nur bedingt möglich. Es muss auch vieles dann doppelt gefahren werden. Einige Sackgassen kann man durch Fähren oder Fischerboote überbrücken.
- Rundreise Neufundland / Labrador
Wer diese große Runde plant und auch wieder von St. John´s zurück fliegen möchte, sollte sehr viel Zeit mitbringen.
St. John´s - Cartwright: ca. 1400 km
Cartwright - Happy Valley-Goose Bay: Fähre (Straße in Bau)
Happy Valley-Goose Bay - Churchill Falls: 290 km
Churchill Falls - Labrador City: 243 km
Labrador City - Baie Comeau: 584 km
Baie Comeau - St John´s (via New Brunswick und Novia Scotia) ca. 2100 km
Alternativ:
Labrador City - Sept-Îles (mit dem Zug)
Sept-Îles - Baie Comeau: ca. 230 km
Baie Comeau verfügt über einen Flughafen, von dort kommt man via Montréal wieder zurück nach Deutschland. Gesamtstrecke dieser Variante rund 2200 km (ohne Abstecher), als eher etwa 2500 km.
Welche Tour hast Du gemacht?
Ich bin von St John´s in Richtung Norden über die Insel gefahren, habe mir die alten Bahntrassen ausgesucht, um von der Hauptstraße No. 1 (viel Verkehr) weg zu kommen. Deshalb wählte ich auch die Küstenroute über Lumsden, Musgrave Harbour, Lewisporte. Im Norden - wenn es von Deer Lake durch den Gros Morne Nationalpark in Richtung Norden geht, gibt es zur Hauptstraße keine Alternative. Der meiste Verkehr fließt allerdings in Richtung Süden, in Richtung Fähre nach Novia Scotia. Von Deer Lake ging es bis nach L´Anse aux Meadows / St. Anthony. Von dort wieder zurück zum Hafen von St. Barbe und über den Larence Strom rüber nach Blanc Sablon (Quebec). Wenige Kilometer östlich beginnt dann Labrador. Von dort hat man wenig Alternativen. Man folgt der Hauptstraße (meist Schotter) bis nach Cartwright, nimmt dort die Fähre nach Goose-Bay. Von Goose Bay geht es durch richtige Wildnis mit sehr wenig Verkehr in Richtung Westen. Nächster Stopp: Churchill Fall - dem einizigen Ort (Retortensiedlung) zwischen Goose Bay und Labrador City.
Wie lange hast Du gebraucht?
Weniger Zeit als geplant. Das lag nicht nur an den vergleichsweise guten Pisten, sondern auch an dem Umstand, dass die Black Flies-Plage in Labrador eigentlich jegliche Aktivität erheblich einschränkte. Pausen wurden auf Bergkuppen verlegt, wo es ein wenig windig war. Hauptmahlzeiten waren nur unter dem Moskitonetz einzunehmen. Da wir in Bärenland sind, konnte man ja auch nicht im Zelt essen. War insgesamt sehr lästig und wie mir Einheimische bestätigten, war das kein ungemein schlimmer Sommer. Ein entsprechend starkes Mückenmittel sollte man reichlich mitnehmen (in Kanada gibt es höherkonzentrierte Mittel mit dem Wirkstoff DEET als in Deutschland, deshalb erst dort kaufen). Die sind zwar nicht richtig gesundheitsfördernd, aber bei der deutschen Konzentration grinsen die Black Flies nur fies und greifen an.
Aufgrund der vielen Zeit am Ende habe ich noch einen Ausflug nach Gaspesie unternommen. Kein Trip in die Wildnis, aber auch sehr schön (beliebte Urlaubsregion). Die Küstenroute von Sept-Iles nach Baie Comeau ist okay, hin und wieder geht es am Strand lang, insgesamt unaufgeregte Route mit wenig Wildnisfeeling.
Wie war die Versorgung?Für einen Trip durch die Wildnis eigentlich ganz gut. Die Abschnitte waren überschaubar. Auch in Labrador. Einkaufsmöglichkeiten in Blanc Sablon, L´Anse-au-Clair, Red Bay, Cartwright, Goose Bay, Churchill Falls, Labrador City. Aber für eine Woche sollte man immer Proviant mithaben, die Straße kann sich nach Regenfälle schnell aufweichen und ein Vorankommen unmöglich machen.
Wo kann man übernachten?
Campingplätze oder gar Hotels sind sehr rar. Man sollte sich auf "Wild Zelten" einstellen. Ist natürlich erlaubt und oft die einzige Möglichkeit, einen Schlafplatz zu finden. Es gelten jedoch die üblichen Vorsichtsmaßnahmen gegenüber unbeabsichtigen Bärenbesuch.
Wo bekommt man Infos?
Im Netz und beim Fremdenverkehrsamt für Neufundland und Labrador. Empfehlenswert für den Einstieg ist das jährlich neu herauskommenden Heft "2009 Travel Guide", beinhaltet eine Übersichtskarte und viele Infos zu Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsmöglichkeiten.
Ein richtig guten Reiseführer habe ich nicht gefunden. Zu Neufundland gibt es mehr Auswahl, zu Labrador wird es dann sehr mau. Ich bin mit dem Frommer´s Newfoundland & Labrador gefahren. War sehr hilfreich, aber nicht überragend...
Zur Bärenproblematik siehe allgemeinen Artikel zu Bären in Nordamerika.
Was ist Dein Fazit?
Neufundland ist schön, hätte ich mir vielleicht mehr Zeit gönnen sollen, aber ist auch nicht so richtig einsam. Labrador ist richtig einsam, aber zeitweise ist das Radeln auch sehr langweilig. Tagelang geht es durch Wälder. Die Strecke ist hügelig, aber nicht richtig bergig, so dass tolle Aussichten eher selten sind (dafür aber auch Anstiege). Der Abschnitt Blanc Sablon - Cartwright ist noch am interessantesten. Die richtigen Sehenswürdigkeiten liegen leider meist an der Küste und würden einen zeitaufwendigen Abstecher über Sackgassen bedeuten. Die Fahrt mit der Fähre von Cartwright nach Goose Bay ist beeindruckend. Goose Bay ist Natostützpunkt, so trifft man dort auch den ein oder anderen Bundeswehrsoldaten.
Verkehrsdichte: Unterschiedlich. Auf Neufundland- je nach Route - mässig bis mittel. Im Norden geringer. In Labrador hält auch schon mal ein Auto zum Plausch an - weil Stunden vergehen können, bis das nächste kommt. Wird manchen allerdings auch stören, denn wenn der Bär kommt, kann man nicht auf schnelle Hilfe hoffen (Handy funktioniert nicht). Die Strecke Goose Bay - Labrador City wird häufiger befahren, vor allem von LKWs, und Natoangehörigen. Das 550 km entfernte Lab City ist die nächste richtige Stadt mit dem einzige Walmart weit und breit. So soll es Soldaten geben, die an einem Tag zum Einkaufen nach Lab City fahren, um wenigsten mal kurz rauszukommen....
Was bleibt hängen?
Die vielen Black Flies, die Begegnungen mit den Schwarzbären (in Neufundland und Labrador leben "nur" Schwarzbären) und Begegnungen mit den wenigen Menschen an der Straße, die Gastfreundschaft in Cartwright und Goose Bay (Besitzer hat mir sein Haus entlang der Straße nach Churchill Falls kostenlos überlassen und auch extra zwei Bierdosen zur Orientierung an den Straßenrand gestellt). So eine ruhige Nacht ohne Fliegen und einem möglichen Bärenbesuch kann auch sehr erholsam.
Ansonsten: Wenn die Straße zwischen Cartwright und Goose Bay fertig ist, wird der Verkehr zunehmen. Noch ist das ein Geheimtipp. Nur sehr wenige Touristen wagen sich auf diesen langen Trip.


