Dem Winter muß man nicht die kalte Schulter zeigen

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Frieren muß in Deutschland niemand, jedenfalls nicht beim Radfahren. Auch nicht im Winter - vorausgesetzt - man ist richtig angezogen. Dann überwiegen sogar die Vorteile für eine Tour in der kalten Jahreszeit. Denn der regelmäßige Ausflug oder die Fahrt zur Arbeit ist nicht nur gesundheitsfördernd, weil das Immunsystem gestärkt wird, sondern vermindert auch das Erkältungsrisiko. Natürlich hält so ganz nebenbei auch noch fit. Weiterer Vorteil: Die im Körper serienmäßig eingebaute Heizung arbeitet auch bei tiefen Temperaturen tadellos, während die des Autos meist erst dann richtig in die Gänge kommt, wenn die Fahrt bereits beendet ist.

Das Hauptproblem beim Radfahren ist nicht die Kälte, sondern die Überwindung des inneren Schweinehunds. Doch der alte Spruch: Es gibt kein schlechtes Wetter - nur schlechte Kleidung, gilt immer noch. Zwar wird man bei unzureichender Ausrüstung in unseren Breiten nicht sofort zum Ötzi, trotzdem kann eine Radtour bei klirrender Kälte unfreiwillig zu einer bleibenden Erinnerung werden. Dabei muß es einem nicht so ergehen, wie dem Extremradler Hubert Schwarz („In 80 Tagen mit dem Rad um die Welt“), dem bei minus 45 Grad die Nasenspitze erfroren ist. Seitdem errötet diese immer, wenn es kalt wird.

Zugegeben, die meisten werden nie die Gelegenheit bekommen, bei minus 45 Grad aufs Fahrrad steigen zu können. Doch auch bei Temperaturen um die Null Grad kann man sich eine rote Nase oder eine Erkältung holen. Das permanente „Laufen“ des Riechers ist übrigens unabhängig von Farbe und Erkältung. Daran muß man sich im Winter gewöhnen.

Die passende Bekleidung hilft allerdings sehr, kältempfindliche Stellen zu schützen. Gegen Austrocknung im Gesichtsbereich sollte man fetthaltige Cremes auftragen. Weiteren Schutz bietet eine Ski- oder Motorradmaske (20 Mark). Sehr empfehlenswert ist ein „Headgator“. Diese Sturmhaube aus sehr dehnbarem Material ist quasi Schal, Stirnband und Mütze in einem (30 Mark). Extremitäten wie Finger sollten besonders eingepackt werden. Gute Winterhandschuhe (ab 80 Mark) sind absolut notwendig, will man jederzeit auch noch bremsen können, was vor allem bei glattem Untergrund lebenswichtig sein kann. Sehr warm sind Fäustel. Nur läßt sich mit den dicken Dingern nicht mehr so einfach schalten und bremsen. Eine guter Kompromiß sind Lobster. Lobster (ab 89 Mark) sind eine Art Zwitter zwischen Fünffingerhandschuh und Fäustel und heißen so, weil sie Ähnlichkeit mit den Scheren des Hummers haben: Jeweils zwei Finger wärmen sich gegenseitig, der Daumem bleibt alleine.

Absolut wasserdicht sind Neoprenprodukte, die man auch über ein paar einfache Handschuhe ziehen kann. Neopren wärmt auch ganz gut, im Gegensatz zu Latexausführungen, die dagegen unschlagbar preiswert sind (12 Mark) und nur in Motorradshops angeboten werden. Ein Blick in die einschlägigen Kataloge der Zubehörausstatter (etwa „Hein Gericke“ oder „Detlev Louis“) lohnt sich deshalb auch für nicht-motorisierte Zweiradfahrer. Denn kalte Finger bekommen alle, egal wie heiß der Ofen unter einem auch ist. Doch auch in Fahrradkatalogen wie „Rose“ oder „Brügelmann“ wird man fündig, wenn auch ein Großteil der Kollektion aus leichter Sommerbekleidung besteht. Sehr empfehlenswert ist der spezielle Winterkatalog des Outdoorausrüsters „Globetrotter“. Der beste Trumpf: Es gibt nicht nur einen Katalog zum Stöbern, sondern - wie auch bei Hein Gericke und Detlev Louis - ein Geschäft vor Ort. Doch auch einige Fahrradgeschäfte haben den Bekleidungsmarkt für sich entdeckt.

Aber zurück zur Ausrüstung: Große Aufmerksamkeit sollte man seinen Knien widmen. Dieses für den Biker wichtigste Gelenk ist extrem der Kälte ausgesetzt, weil Muskeln, Sehnen und Bänder direkt unter der Haut liegen und das Unterhautfettgewebe fehlt. Wer einer Sehnenscheiden- oder Schleimbeutelentzündung vorbeugen möchte, sollte Kniebandagen verwenden, und zwar bevor es anfängt zu schmerzen.

Die äußerste Kleidungsschicht, egal ob Jacke oder Hose, sollte vor allem windgeschützt und wasserdicht sein. Am besten auch noch „atmungsaktiv“. Solche Textilien sind nicht ganz billig. Vor allem Winterjacken mit einer wasserdampfdurchlässigen Schicht (Beispiel Gore-Tex) kosten leicht über 500 Mark. Nach dem Zwiebelprinzip sollte man lieber mehrere Lagen dünner Sachen übereinander anziehen, denn so beugt man übermäßiges Schwitzen vor, und die einzelnen Kleidungsstücke lassen sich auch leichter ausziehen.

Baumwolle sollte man möglichst wenig tragen, auch bei der Unterwäsche. Wärmer ist sogenannte Funktionsunterwäsche. Synthetische Materialien wie Fleece (zum Beispiel aus Polypropylen und Lycra) sind leichter und trocknen vor allem sehr viel schneller.

Auf den Kopf gehört eine Bedeckung. Eine Kapuze ist nicht unbedingt zu empfehlen, weil dadurch die Sicht eingeschränkt wird. Aber auch das subjektive Empfinden für das Verkehrsgeschehen sinkt. Gefährlich wird´s, wenn die Straße glatt ist, und man das heranbrausende Auto dann nicht mehr früh genug wahrnimmt. Gut ist eine Mütze (mit Ohrenschützern) oder noch besser ein Helm. Denn Stürze im Winter auf Schnee und Eis kann auch der routinierteste Radler nicht immer verhindern. Nur wärmen Sommerhelme wenig. Als Gegenmaßnahme kann man eine Helmmütze verwenden (49 Mark). Die freiliegenden Ohren lassen sich zusätzlich durch Fleece-Ohrenwärmer schützen (25 Mark). An die Füße gehören (Winter-)Schuhe mit ausreichendem Profil und mindestens eine Nummer zu groß, weil sonst bereits das zweite Paar Socken drückt. Auch für die Füße gilt: Zwiebelprinzip anwenden. Wers nötige Kleingeld hat, kann sich auch eine Fußheizung zulegen (etwa von Mematec für 235 Mark). Gegen Matsch und Spritzwasser sind Fahrradgamaschen (30 Mark) gut geeignet, allerdings sind nicht nicht so dicht wie Neoprenüberzieher (45 Mark). Gegen Spritzwasser und kalten Fahrtwind helfen auch sogenannte Yuppie-Caps (30 Mark), die mit den Pedalen an die Kurbel geschraubt werden. Das Hineinschlüpfen sollte allerdings nicht erst bei Glatteis geübt werden, denn ein wenig Übung ist erforderlich.

Bei allen Wintersachen sollte man darauf achten, daß leuchtende, reflektierende Farben in der dunklen Jahreszeit zusätzliche Sicherheit bringen. Sehen und Gesehen werden ist im Winter sehr wichtig.