Drahtbruch bei Schwalbe-Reifen: was hilft?

Panne oder was? Foto: pd-fViel- und Reiseradler greifen gerne zu den Produkten der Firma Bohle, die unter dem Markennamen Schwalbe vertrieben werden. Insbesondere der "Schwalbe Marathon" besitzt Kultcharakter. Der Ruf kommt natürlich nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis guter Qualität, die sich auch im Härteeinsatz abseits befestigter Wege bewährt hat. Anscheinend gibt - oder wenigstens gab  - es Qualitätsprobleme. Wie lange sollte ein Fahrradreifen halten? Sicherlich mehr als 70 Kilometer. Doch gleich drei Mal stieß nach jeweils weniger als 100 Kilometer Laufleistung bei Schwalbe-Reifen der Marke "Marathon XR", "Marathon ATB Plus" und dem Spikesreifen "Ice Spiker" der Draht durch die Karkasse und führte zu Plattfüßen.  Besonders ärgerlich auf Radtouren, auf denen Ersatz nicht immer gleich auf den nächsten Kilometern zu bekommen ist. Was gibt es für Tricks, trotzdem weiter fahren zu können?

Vorweg gesagt: Ein Drahtriss ist das Todesurteil jedes Reifens. Die Halbwertszeit sinkt rapide. Die letzten Kilometer sind gezählt. Eine Laufzeitverlängerung ist aber möglich. Beste Problemlösung: den Ersatzreifen montieren und hoffen, dass nicht auch Ersatz für den Ersatz benötigt wird. Leider ist genau dies mir bei meiner letzten Tour passiert: Drahtbruch beim "Schwalbe Marathon ATB Plus".  Austausch gegen einen älteren, aber unbenutzen "Marathon XR" und auch dieser überstand keine 80 Kilometer. Im Winter 2007 ereilte das gleiche Schicksal einen "Ice Spiker" nach 110 Kilometer Laufleistung auf Schwedens Winterpisten.  Ich hatte also bereits "Erfahrung" und wusste: Basteln hilft nur das Gewissen zu beruhigen. Man habe es versucht, löst aber nicht das Problem auf Dauer. 

Beide Vorkommnisse sind sehr ärgerlich. Denn im schwedischen Winter ohne Spikes zu fahren kann lebensgefährlich sein, wird doch auf den meisten Straßen nicht gestreut und es bildet sich ein spiegelglatte Fahrbahn, auf der man noch nicht mal laufen kann. Während auf der Winterpiste der Ersatz dann durchhielt, wird es - wie in diesem Sommer im Hochgebirge von Lappland - durch zwei  verschlissene Reifen innerhalb von zwei Tagen kritisch.

Der Grund:  Der Drahtring im Reifenwulst verhindert, dass sich der Reifen unter Druck ausweiten und dann von der Felge abspringen kann. Fehlt dieser Druck, den man immer merkt, wenn man mittels Reifenheber den Reifen von der Felge bekommen möchte, so bildet sich zunächst eine Beule im Reifen. Die Decke läuft erst "nur" unrund, bis sie dann von der Felge rutscht und der Schlauch rausschaut. Meist wird man allerdings schon zuvor von einem Platten gestoppt. Als letzte Konsequenz kann man das Fahrrad nur noch auf der Felge schieben...(oder den alten Reifen aufschneiden und um die Felge wickeln und mit Kabelbindern irgendwie fixieren) 

Schwalbe Ice Spiker Reifen Wie kann man sich sonst helfen?

Ist der Schaden am Hinterrad aufgetreten, müssen zunächst die Reifen getauscht werden, denn der Mantel sollte in Zukunft möglichst wenig belastet werden. Zudem ist meist ein Flicken des Schlauches am Vorderrad schneller durchzuführen.

Bevor man den kaputten Reifen vorne wieder einbaut, muss man den herausstehenden Draht abfeilen. Und zwar möglichst komplett, so dass keine scharfe Kante in den Schlauch eindringen kann. Alternativ kann man auch versuchen, den Draht durch die Karkasse zu stoßen, um aus der Gefahrenzone für den Schlauch zu kommen. Aus meiner Erfahrung hilft dies allerdings nur kurz, weil der Draht "wandert" und sucht sich seinen Weg. Also feilen und die schadhafte Stelle, an der der Draht heraustrat, versuchen zu schließen. Ziel muss es sein, dem Draht die erneute Wanderschaft zu erschweren. Wie gesagt, verhindern kann man das nicht, man kann es nur hinauszögern. Ganz gut klappte dies mit einem Zwei-Komponentenkleber aus dem Bootsbau , einer Tube Silikon und einem aufgebrachten Gummiflicken, den ich mir aus einem alten, am Straßenrand liegenden Schmutzfänger eines LKWs gebastelt hatte. Zwar wird auch hier der Draht durchkommen. Aber man gewinnt ein paar Kilometer. Alternativ kann man auch Schlauchflicken auftragen, allerdings braucht man die noch auf den nächsten Kilometern für die vielen Löcher....

Beim "Ice Spiker" trat nach der Montage am Vorderrad ein zweiter Drahtdurchbruch auf, und zwar auf der anderen Reifenseite. Spätestens dann verliert der Reifen seine komplette Stabilität und eignet sich nur noch zum Stockspielen.  

Als auf der Lapplandtour auch der Marathon XR einen Platten verursachte und wie oben auf dem Foto zu sehen ist, ein riesiges Stück Draht herausschaute (schon überraschend, wie lange man offensichtlich mit einem offenen Draht radeln kann, bis schließlich der Schlauch durchstochen wird), blieb nur noch die Möglichkeit, den Marathon ATB Plus mit Gummi zu flicken. Er musste dann so aufgezogen werden, dass er nicht von der Felge rutscht. Hochflanschfelgen sind dabei natürlich ein wenig im Vorteil. Allerdings hieß es nun: rund alle 10 Kilometer produzierte der Reifen einen Platten und der Draht schaute wieder ein Stückchen weiter heraus.  Die Reparatur musste sofort erfolgen, an Schieben war nicht denken, da der platte Reifen sofort von der Felge rutschte. Ein teilweise sehr gefährliches Unterfangen auf einer kurvigen Hauptstraße mit Tunnelstrecken.  (Der Trick, bei einem Plattfuß einfach den Schlauch zu entfernen und den Reifen ohne Schlauch zu montieren, hilft in diesem Fall nicht). Man sollte zudem plötzliche Lenkbewegungen vermeiden. Der erste Platte mit dem "Ice Spiker" kam nach einer 180 Grad Wendung. Bei solchen Manövern drückt natürlich der offen liegende Draht in den Schlauch hinein. Aber beim Marathon reichte dann auch eine Schlenkerbewegung, um zur "Druckentlastung" zu führen.

Die 100 Kilometer bis nach Narvik schaffte ich schließlich mit einer 20 Stunden Non-Stopp-Fahrt., Oder besser gesagt, nach einer schlaflosen Viel-Stopp-Fahrt.  Am Ende ('die Stopps und Aufpumpaktionen habe ich nicht mehr gezählt) hatte sich der Draht in den Schlauch gebohrt und irgendwann von sich aus das Loch wieder geschlossen.  Das war Glück im Unglück. Glück im Unglück war auch, dass Narvik  "nur" 100 Kilometer entfernt war. So bedeutete dies "nur" einen Umweg von 200 Kilometern und ein verlorenes Wochenende, weil der einzige Fahrradladen übers Wochenende natürlich geschlossen hatte. Nicht auszurechnen, was passiert wäre, wenn dies auf einsamer Strecke irgendwo In Island oder gar in Nordamerika oder Australien passiert wäre, wo man froh ist, wenn überhaupt am Tag mal ein Auto kommt.  

Jetzt habe ich das Vertrauen natürlich in Schwalbe-Reifen verloren. Zunächst sucht man bei zwei Unfällen kurz hintereinander den "Fehler" bei sich selber. Hat man irgendetwas falsch gemacht, kann was in der Felge sein? Doch auch die Firma Bohle bestätigte: "Ein Drahtbruch darf nicht vorkommen". Leider zeigen Foreneinträge im Internet, dass dies doch nicht so selten passiert. Immerhin: Bohle hat umgehend Ersatz geliefert, ein paar Schläuche gab es gratis dazu. Der Service und die Kulanz funktioniert, auch dies bestätigen andere "Geschädigte". Aber eigentlich möchte man ja, dass die Probleme erst gar nicht auftreten, schließlich kann man auf einer Fahrradtour nicht drei Ersatzreifen mitschleppen, um ganz sicher gehen zu können. Auch ersetzen natürlich ein paar Reifen nicht die verlorenen Urlaubstage, den Streß und die Kosten für den Reifenersatz im Ausland.  In Zukunft werde ich jedenfalls immer zwei Ersatzreifen dabei haben (was ich bisher nur auf langen Touren durch die Wildnis praktiziere): einen Drahtreifen und einen Faltreifen mit Schnüren aus Nylon oder Kevlar. Da kann dann nichts mehr brechen und durchstechen.  Ob´s Reifen von Bohle sind? Keine Ahnung: Seit Narvik rollen Contis und zwar ohne Drahtbruch.  

allgemeine Infos zu Reifen findest Du auch in folgenden pdf-Dokumenten:

Infoblatt über Reifen von Globetrotter Ausrüstung als pdf zum herunterladen:

http://www.globetrotter.de/pdf_prod/sl_35021.pdf

Infoclip vom ADFC:

http://www.adfc.de/files/2/8/9/12/IC_02_7_Reifen.pdf

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