Hintergrund: Wie sinnvoll ist Tagfahrlicht am Fahrrad?

Dass man bei Dunkelheit mit Licht radeln sollte, wird wohl jeder Verkehrsteilnehmer unterschreiben. Aber am Tage? Eine Diskussion, die bislang Sache motorisierter Verkehrsteilnehmer war, erreicht nun auch die Radfahrer: Dabei geht es um die generelle Einführung des Tagfahrlichts (TFL), die nach wie vor zu Kontroversen führt und die Verkehrs-Interessengruppen spaltet. Seit 1988 müssen Motorradfahrer auch tagsüber mit Licht fahren. Der Vorteil: Schon von weitem erkennt jeder Autofahrer, dass sich ein schnelles Fahrzeug nähert; vor allem an Kreuzungen und Einmündungen sorgt das Tagfahrlicht dafür, dass die motorisierten Zweiräder besser wahrgenommen werden.

Dieser Status Quo war zwei Jahrzehnte lang relativ unumstritten. Doch nun wird der Sichtbarkeits- und damit Sicherheitsgewinn durch das Tagfahrlicht wieder zum Diskussionsthema, denn es ist mittlerweile auch für Autos längst Realität geworden. Obschon das TFL bei KFZ erst 2012 zur Pflicht wird, werden schon jetzt viele Neuwagen mit den Leuchtdioden ausgestattet. Zudem fahren viele Kraftfahrer ohnehin tagsüber grundsätzlich mit Abblendlicht, unabhängig von den Sichtverhältnissen.

Tagfahrlicht Busch und Müller Foto: Ulf HoffmannBefürworter des Tagfahrlichts berufen sich auf das skandinavische Vorbild, auch wenn die dortigen Lichtverhältnisse nicht unbedingt auf Mitteleuropa zu übertragen sind. Die Gegner wiederum verweisen auf die Abschaffung der Tagfahrlicht-Pflicht in Österreich zum Januar 2008 nach nur zwei Jahren – wegen stark gestiegener Unfallzahlen. Auch in Australien wurde die Dauerlicht-Pflicht wieder gekippt – aus Gründen des Schutzes der schwächeren Verkehrsteilnehmer.

Das Argument pro TFL ist simpel: Wenn alle beleuchtet sind, sind auch alle besser sichtbar. Das Gegenargument: Gerade die schwachen Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer riskieren, im Lichtermeer der Straße unterzugehen. Auch Motorradfahrer argementierten in dieser Weise, würde sie doch weniger auffallen, wenn auch Autofahrer ständig Licht anhätten.

Wobei zu unterscheiden ist zwischen dem auf reine Signalwirkung ausgerichteten, „echten“ Tagfahrlicht und dem am Tage eingeschalteten Abblendlicht, das deutlich heller ist als ersteres und die Gefahr birgt, Radler und Passanten zu überblenden und somit quasi „unsichtbar“ zu machen.

Auch viele Fahrradfahrer fahren mittlerweile mit "Tagfahrlicht". Moderne Lichtanlage, betrieben mit einem Nabendynamo, sind so effizent, dass der zusätzliche Kraftaufwand kaum spürbar ist und bei der LED-Technologie auch keine Birnchen durchbrennen können.

Ob dies nun optimal ist, darüber streiten sich die Experten. Wenn der Scheinwerfer zu tief eingestellt ist, leuchtet er auf den Boden und ist weniger für den Gegenverkehr sichtbar. Stellt man ihn dagegen in eine nahezu waagerechte Position, so kommt es dem Autofahrer fast wie Fernlicht vor. Insbesondere mit einer 60-Lux-Leuchte (übrigens offizielle zugelassen), kann man dies eindrucksvoll auf einer Landstraße nachts testen, wenn den Gegenverkehr wieder mal nicht das Fernlicht ausschalten möchte. Einmal die Leuchte nach gewackelt (ist natürlich nicht jedermanns Sache solche eine akrobatische Übung während der Fahrt) und der Gegenverkehr blendet ab. Klappt erstaunlich zuverlässig, und war mit 20 Lux-Leuchten nicht zu erreichen.

Als erste Hersteller hat Busch & Müller einen LED-Scheinwerfer auf den Markt gebracht, der mit Tagfahrlicht ausgestattet ist (siehe nebenstehenden Praxistest). Weitere Hersteller werden sicherlich folgen. Beim Licht 24 von Busch & Müller sorgen vier bis sechs weitere LED fürs Tagfahrlicht. Diese geben das Licht in einem breiteren Winkel ab, sind also auch bei ungünstiger Scheinwerferstellung gut sichtbar, ohne zu blenden. Die Elektronik des Systems dimmt tagsüber die Haupt-LED; bei Dunkelheit bringt diese ihre volle Leistung von (modellabhängigen) 40 bis 60 Lux, während wiederum die Signal-LED herunter geregelt sind.

Seit der Markteinführung des TFL im September 2010 werden in der Fahrradwelt eifrige Fachdiskussionen geführt. Sicher? Sinnvoll? Wünschenswert? Beim Zweirad-Industrie-Verband e. V.  (ZIV) etwa steht man der neuen Technik aufgeschlossen gegenüber. Besonders dort, wo abbiegende Autos einen parallel laufenden Radweg kreuzen müssen, sehen die Experten einen deutlichen Sicherheitsgewinn für Radler durch bessere Sichtbarkeit. Auch beim Verbund Service und Fahrrad e. V.  (VSF) hat man gegen Fahrradlicht am Tag nichts einzuwenden – Marketingmann Dirk Sexauer stellt eher die Frage, ob TFL am Auto sinnvoll sei. Anna Fehmel, Pressesprecherin des Verkehrsclubs Deutschland e. V.  (VCD), hält es wie mit dem Fahrradhelm: an sich eine gute Sache, eine Pflicht sei allerdings abzulehnen. Damit weiß sie sich einer Meinung mit nahezu der gesamten Branche; auch die Fürsprecher des Tagfahrlichts erteilen einer gesetzlichen Verpflichtung durch die Bank eine Absage. Letztlich hält es die Fahrradwelt gewohnt individuell: Wer sich bei Tage mit Licht am Rad sicherer fühlt, kann es gerne anschalten – alle anderen aktivieren den Dynamo eben erst in der Dämmerung.

Wirkliche Gegner des Tagfahrlichts gibt es kaum, auch wenn Skeptiker darauf verweisen, dass der Sicherheitsgewinn zu vernachlässigen sei. So plädiert Caspar Gebel Fachjournalist vom „Fahrrad News“-Magazin dafür, die Sichtbarkeit erst einmal durch Reflexschärpen und helle Kleidung zu optimieren – schließlich sei der Oberkörper des Radfahrers viel eher sichtbar als ein paar kleine LEDs. In die ähnliche Richtung geht auch die Empfehlung von Fahrradtest.de (siehe folgenden Artikel).
Die Moralisten unter den TFL-Gegnern wiederum wollen sich einer „Aufrüstung“ entziehen oder sehen sogar einen verwerflichen „individuellen Sicherheitsgewinn auf Kosten der Gesamtgemeinschaft der Radfahrer“. Doch am Ende ist es so wie mit dem Fahrradhelm: Der Nutzen wird kaum bestritten und Nachteile gibt es keine. Kein Wunder also, dass den Gegnern schnell die Argumente ausgehen.

Außerhalb der Fahrradwelt wird „TFL am Rad“ übrigens als eher nebensächlich angesehen. Das sei ein Luxusthema, heißt es beim ADAC; dem Autoclub gehe es erst einmal darum, die „Schwarzfahrerquote“ bei Nacht zu senken. Im Übrigen weist auch ADAC-Verkehrssicherheitsreferent Frank Hahn darauf hin, dass das Thema Tagfahrlicht auch beim Auto nicht unumstritten sei.

Fazit: Dass es für Radfahrer ab sofort ein spezielles Tagfahrlicht gibt, ist eine gute Sache. Mit ein bißchen Wettbewerb werden hoffentlich die Preise auch sinken, um es dann auch der breiteren Masse schmackhaft zu machen. Die drei Tagfahrlicht-Strahler von Busch & Müller sind seit September im Handel; die Preise liegen zwischen 74,90 und 94,90 Euro, Schnäppchenjäger bekommen sie aber im Internet schon deutlich günstiger.

Test des Lumotec IQ Cyo T Licht 24 - Tagfahrlichtscheinwerfers findest Du hier.



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