Messebericht von der Eurobike 2000

Mehr als 50 Weltpremieren waren auf der diesjährigen Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen für die Presse angekündigt gewesen, doch so richtig aufregend Neues sah man in den Messehallen nicht. Im Gegenteil. Rund ein Dutzend der Produkte, die man Journalisten vergangenes Wochenende als brandneu verkaufen wollte, entpuppten sich bei näherer Betrachtung als "olle Kamellen". Wurden sie doch bereits auf den Messen des vergangenen Jahres präsentiert.

Zum zweiten Mal war die Fahrradausstellung nur für Fachbesucher geöffnet. Es scheint, als sei das dem Innovationsschub der Branche nicht gut bekommen. Dabei sollte eine Messe auch ein Ort des Experiments sein. Natürlich gab es Neuigkeiten auf der Messe, doch unterm Strich war das Angebot schon seit Jahren nicht mehr so uninteressant gewesen. Eine Messe lebt schließlich auch von den ausgestellten Prototypen, von jenem Mut mancher Hersteller, sich mit einer – bei längerem Nachdenken – vielleicht abwegigen Idee auch den Spott der Konkurrenz zu spüren.

Viel Resonanz, absolut sehenswert, aber nicht nur Beifall fand beispielsweise ein Gesundheitsfahrrad der Firma Epple (Tel. 08331 / 751 –0). Letztes Jahr waren die "Easy Boarding Bikes" groß im Kommen gewesen. Die Räder zeichnen sich durch einen tiefen Durchstieg für stressfreies Auf- und Absteigen aus. Das " Epple Millenium" ist die konsequente Weiterführung des Trends. Es gibt bei diesem Fahrrad nämlich gar keinen Durchstieg mehr, sondern einen Rahmen, der sich um den Fahrer windet. Kombiniert wurde die neue, massive Rahmenform mit einer Vollfederung und einer hydraulisch arbeitenden Sattelstütze, die durch leichtes Absenken zusätzlich das Aufsitzen erleichtert. Besonders an ältere und gehbehinderte Menschen richtet sich das neue Konzept. Ein Nachteil ist das spürbar hohe Gewicht und die ungewohnte Gewichtsverlagerung durch den seitlich im Bogen verlaufenden Rahmen. Im Handel soll das Rad 2399 Mark kosten. (mehrere Fotos, ein Muss, Buchstabe A)

Natürlich war dies nicht das einzige neue Fahrrad auf der Messe. Doch das einzige, was wenigstens zum Teil Messegespräch war. Viele Hersteller werden dagegen in die kommenden Saison mit leicht überarbeiteten Modellen gehen.

Dabei zeigt sich auch, dass nach den vielen Rückrufaktionen in diesem Jahr offensichtlich nicht mehr "auf Teufel komm raus" am Rad abgespeckt wird, um das Rad übers geringere Gewicht zu verkaufen. Vielmehr rückt allmählich der Komfortgedanke stärker in den Blickpunkt. Fahrräder mit Federungen sind der Renner, die Frage der richtigen Sitzposition wird immer wichtiger.

Das wartungsfreie Fahrrad haben wir auch dieses Jahr noch nicht entdeckt, aber immerhin einen vielversprechenden Ansatz bei einem dänischen Hersteller gesehen, der sich mit dem kardanangetriebenen Trekkingrad "Copenhagen" erstmalig nach Deutschland traute. Das Rad selber ist gar nicht so neu, verrieten uns die Inhaber der Firma Biomega, Jens Martin Skibsted und Elias Grove Nielsen. In Dänemark sei man mit dem Copenhagen bereits seit zwei Jahren auf dem Markt (für 1000 Euro). Nun also die Deutschlandpremiere. Das Copenhagen wird in Tritium lackiert, einer in der Nacht fluoreszierenden Farbe, die zusätzliche Sicherheit geben soll. Biomega hat insgesamt nur drei verschiedene Modelle im Programm. So standen folgerichtig auch nur drei Bikes auf einem vergleichsweise großen Messestand. Biomegas Bikes findet man sowieso bisher eher in Museen und Designshops, denn die Rahmen für die Modelle Extravaganza (kostet 5500 Euro) und Bonanza wurden vom Designer Marc Newson entwickelt. Newsons Bike-Kreationen kann man im Neuen Museum in Nürnberg, im Centre Pompidou in Paris und im Londoner Design Museum bewundern. Die Premiere der Firma Biomega in Deutschland (Tel. 0045 39 40 49 19) wirft noch ein anderes Licht auf die Branche. Denn derzeit kommen Innovationen fast nur noch von außen.

Es sind schon lange nicht die etablierten Firmen, die mit neuen Ideen überraschen, sondern Branchenfremde, die offensichtlich noch Spaß an der Umsetzung neuer Konzepte haben.

Skibsted und Nielsen von Biomega zum Beispiel hatten bisher mit der Branche wenig zu tun. Sie haben Philosophie studiert und nach dem Studium angefangen, Fahrradrahmen zu zeichnen.

Ein ebenfalls Branchenfremder bringt uns den ersten biomechanischen Fahrradschuh. Der Sportmediziner Andy Pruitt vom Boulder Centrum für Sportmedizin hat ihn entwickelt. Beim dem neuen Modell wurde sowohl die Sohle als auch das Fußbett speziell der Körperhaltung auf dem Fahrrad angepasst. Pruitt sagt: "Der menschliche Fuß ist für eine Abrollbewegung gebaut, nicht für den Druck nach unten auf ein Pedal.". Bei herkömmlichen Schuhen würden deshalb Blutbahnen und Nerven eingeklemmt, zudem seien bisherige Bikeschuhe nicht in der Lage gewesen, während der Tretbewegung das Kniegelenk in einer geraden und damit gesunden Richtung zu halten. Das soll mit dem neuen Schuh nicht der Fall sein, behauptet der Chef-Mediziner der US-Rad-Nationalmannschaft. Ab dem kommenden Jahr werden die Schuhe auch bei uns im Handel sein. Das Prinzip wird in den Modell-Linien Pro und Comp der amerikanischen Firma "Specialized"(Tel. 0031 314 67 66 00) verwendet (Preis ab 200 Mark).

Einen interessanten Lenker präsentierte der Komponentenhersteller Sram auf seinem Stand. Es ist kein herkömmlicher Lenker, sonder eher ein Bike Cockpit, Smart Bar genannt. Der Smart Bar ist nicht nur leicht verstellbar, sondern integriert auf harmonische Weise zwei Rückspiegel ein Tachometer, die Ganganzeigen und die Lichtanlage in die Lenkhilfe. Einige Hersteller haben bereits angekündigt, den Lenker serienmäßig einzubauen. Großer Vorteil der neuen Konstruktion: Sie sieht nicht nur schick aus, sondern ist auch weniger diebstahlanfällig.

Bleiben wir noch beim Lenker. Lange mussten wir auch warten, bis mal ein Hersteller auf die Idee kam, einen Lenkertaschenadapter zu konstruieren, der abschließbar ist. Der bekannte Klickfix-Adapter der Firma Rixen & Kaul wurde um diese Funktion erweitert. Ein Metallschloss verhindert so das unbefugten Entfernen von Fahrradkorb oder Lenkertasche.

Mehr Sicherheit verspricht die Firma Abus. Erstmalig bei einem Fahrradschloß wird ein Schließzylinder mit einer Sicherheits-Code Karte eingesetzt.

Insgesamt hat sich aber die weite Reise von Berlin nach Friedrichshafen nicht gelohnt. Aber vielleicht war es ja nur die Ruhe vor dem stürmische Feuerwerk an Innovationen. Schließlich findet in 14 Tagen die nächste Fahrradmesse (IFMA) statt und einige Hersteller (wie auch Primus Shimano) sind dieses Jahr erst gar nicht nach Friedrichshafen gekommen.

Wer sich bereits auf die IFMA in Köln gefreut hat, sei gewarnt: Die IFMA kopiert das Konzept der Eurobike und schließt erstmalig dieses Jahr das gemeine Publikum völlig aus. Vom 15. bis zum 18. September sind in Köln nur Fachbesucher willkommen.