Muskeln aus der Steckdose: Fit durch Elektrostimulation?

Glaubt man der Industrie in jüngster Zeit, dann gibt es auch für Fahrradfahrer ein Recht auf Faulheit. In der Werbung wird uns weiß gemacht, wir könnten uns anstatt bei Wind und Wetter aufs Rad schwingen zu müssen, einfach aufs Sofa legen und entspannen. Nebenbei würden wir dann den lästigen Winterspeck verlieren und die gewünschten Muskelpakete mittels elektrischen Strom aufbauen.

Besonders in den Homeshopping-Fernsehsendern werden immer wieder Geräte angeboten, die suggerieren, aus einer fetten Wampe ließe sich quasi im Schlaf ein Waschbrettbauch zaubern. Wenn dem so wäre, hätten wohl viele Radprofis (wir denken nur an die regelmäßig im Frühjahr erkennbaren ein paar Kilo Übergewicht von Radprofi Jan Ullrich) nicht jedes Frühjahr wieder dieses lästiges Problem, in Form zu kommen.

Doch was ist von den Muskeln aus der Steckdose zu halten? Die elektrische Muskelstimulation (EMS) ist kein Wundermittel. Seriöse Firmen behaupten dies auch nicht. EMS kann das normale Training nicht ersetzen, sagen Sportmediziner. Wer Trainingsdefizite aufweist und nicht mehr ohne Japsen den Teufelsberg hochkommt, wird es auch nicht mit EMS schaffen.

Auch Spitzensportler setzen die Geräte in erster Linie zur Regeneration ein. Wer also abends nach der Radtour ziemlich platt ist, aber am nächsten Tag wieder fit sein möchte, kann besonders beanspruchte Partien einer elektrischen Entspannungskur unterziehen. Über Elektroden, die auf die Haut geklebt werden, sendet das Gerät elektrische Impulse aus, die wiederum über die Nerven an die Muskeln weitergeleitet werden. Beim "Training" spürt man deshalb ein leichtes Kribbeln.

Die neueste Generation der Geräte ist absolut sicher, während es früher durchaus zu elektrischen Schlägen oder Verbrennungen kommen konnte. Allenfalls, das möchte auch Michael Hill von der Firma Compex nicht ausschließen, kann ein zu langes "Training" auch zu einem Muskelkater führen.

Für die Sportmedizin ist EMS sowieso nichts Neues. In der Physiotherapie wird sie bereits schon lange eingesetzt, beispielsweise bei Muskelschwund nach einem Unfall. Weshalb EMS nun auch verstärkt zu den Radfahrer vordringt, liegt vor allem daran, dass die Geräte handlicher geworden sind, nicht mehr ein ganze Arztpraxis füllen und dementsprechend auch im Preis gesunken sind.

Allerdings: Gute Geräte kosten immer noch um die 1000 Mark. Spitzengeräte mit zahlreichen Programmen sogar 1500 Mark (hinzu kommen nicht unerhebliche Folgekosten für verschlissene Klebepads). Die Billigprodukte, oft für unter 300 Mark zu bekommen, führen meist nur zu einem angenehmen Kribbeln. Zu mehr reicht die Technik oft nicht aus. Manche Geräte wenden sich besonders an Frauen und versprechen eine Behandlung von Cellulitis oder bestimmter von Fettzellen heimgesuchter Problemzonen. Die Wirkung ist bisher umstritten, wenn auch Studien zeigten, dass die Muskelstimulation im Sitzen bei älteren Menschen den Fettspiegel im Blut senkte.

Besonders beliebt bei Spitzensportlern wie Leichtathletin Heike Drechsler oder Radler Erik Zabel sind die Geräte der Schweizer Firma Compex. Sie machen dafür aber im Gegenzug auch mächtig Werbung. Erst jüngst hat die Zeitschrift "Mountainbike" zusammen mit Compex eine Studie durchgeführt und nebenbei auch vier Geräte unterschiedlicher Hersteller getestet. Dass sich bei dem Test das Gerät der Firma Compex als Sieger herausstellte, scheint bei der Verflechtung der Studienauftraggeber (aus Hersteller und Redaktion) auf dem ersten Blick nicht verwunderlich zu sein. Allerdings zeigte die Studie auch, dass "es zu keiner objektiv belegbaren Leistungssteigerungen kam".

Im Klartext: Mit EMS ist man schneller wieder bereit, Leistung zu bringen. Das ist es aber dann auch alles. Das Radtraining können solche Geräte einem nicht abnehmen. Hobby-Radfahrer sollten das Geld lieber in ein besseres Fahrrad investieren, denn wenn das Radeln mehr Spaß macht, fährt man auch lieber und vielleicht auch länger. Der Muskelaufbau im Schlaf bleibt also weiterhin ein Traum.