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Chile: Deutscher als die Deutschen


"Kuchen" ist das erste chilenische Wort, was ich bei meiner Ankunft in dem südamerikanischen Land gelernt habe. Kuchen heißt auch in Chile Kuchen. Der Einfluss der deutschen Einwanderer ist interessanterweise vor allem beim Essen und der Architektur (besonders bei den Kirchtürmen) bis heute noch sichtbar. Man findet Gasthäuser, Bierwurst und Pils. Und Deutsche, die deutscher sind als die Deutschen daheim.

Doch der Einfluss der Deutschen lässt nach. Täglich sendet eine kleine Radiostation eine Stunde lang deutsche Musik. Mit deutscher Musik verbinden die Chilenen deutscher Abstammung Freddy Quinn, Heintje oder Peter Kraus. Eine rauchige männliche Stimme haucht alle paar Minuten etwas von der "Musica nueva alleman". Nur unterbrochen von deutschsprachigen Werbespots für den größten Wurstfabrikanten Chiles "Mödinger", dessen Vorfahren mit dem ersten Auswanderschiff aus dem schwäbischen Remstal kamen.

"Musica nueva alleman". Neue deutsche Musik klingt anders. Doch Freddy Quinn und Peter Kraus sind bezeichnend für das Lebensgefühl der ehemaligen Deutschen in Chile. Heute leben noch etwa 200.000 Chilenen (von rund 15 Millionen Einwohnern) deutscher Herkunft in dem südamerikanischen Land. Die bekannteste ist wohl Margot Honecker, die Witwe des ehemaligen Staats- und Parteichef der DDR. 20 000 besitzen auch noch zusätzlich die deutsche Staatsangehörigkeit. In Santiago erscheint auch eine deutschsprachige Zeitung. El Condór ist ein Wochenblatt, welches sich seit fast 70 Jahren an die deutschsprechende Minderheit richtet und so ein wenig den Spagat zwischen alter und neuer Heimat versucht.

Ich treffe auf einer Fähre südlich von Puerto Montt ein Zahnärzteehepaar aus Osorno. Sie sprechen akzentfreies Deutsch und leben – wie sie sagen - in der sechsten Generation bereits in Chile. Sie selbst, so hat man den Eindruck sehen sich aber gar nicht so richtig als Chilenen. Zu Hause wird nur Deutsch gesprochen, sagen sie. Man trifft sich mit deutschen Freunden im Club Aleman, schickt die Kinder selbstverständlich auf die deutsche Schule und geht zum deutschen Fleischer. Natürlich sind sie rein rechtlich Chilenen, doch als sie zum Abschluss unseres Gesprächs mir noch den Tipp mit auf den Weg geben, mich vor den Chilenen vorzusehen ("Bei denen wisse man nie!") verstärkt sich mein Bild von den erzkonservativen Germanen. Die Chilenen sind natürlich für sie vor allem die Indianer.

Auch Peter Hopf schimpft über sie. Hopf lebt seit über 20 Jahren in Chile. Der Weltenbummler, zuvor in Spanien und New York zu Hause, ist ausgebildeter Koch und betreibt in Osorno ein bekanntes Lokal mit deutscher Küche. "Peters Kneipe" heißt es und befindet sich in einem alten Holzhaus mit Vorgarten, das von einem Deutschen erbaut worden ist. Auf der Karte stehen viele Wildgerichte, aber auch Schnitzel und Sauerkraut. Die Speisen sind nicht billig, für chilenische Verhältnisse sogar teuer, doch geboten wird nicht nur gute deutsche Küche, sondern auch deutsche Gemütlichkeit. Und die findet man sonst sehr selten in Chiles Restaurants. Mit dem Charme lässt sich wohl gut Geld verdienen. An den Wänden hängen Felle und Geweihe und viel Kitsch, teilweise aus dem Nachlass von Peters Mutter aus Bayern.

Auch Ansichtskarten und eine Bierdeckelsammlung schmücken die drei Räume. Einziges Manko: Es gibt zwar deutsches Bier, doch leider nicht vom Fass. Deutsches Bier wird zwar auch in Chile gebraut, spielt beim Konsum aber eher eine untergeordnete Rolle. Die beiden führenden Marken heißen Cristal und Austral sollen sich auch – zum Teil bereits – in der Hand deutscher Brauereien befinden. Als der Ober ein viel zu kaltes Weizenbier (Direkt-Import aus Bayern) bringt, das er gerade aus der Tiefkühltruhe genommen hat, schimpft der Chef ganz laut auf Deutsch, und sagt: "Die Chilenen lernen das nie". Und fügt noch hinzu, dass sie froh sein können, bei ihm überhaupt Arbeit gefunden zu haben. Wer keinen Namen mit spanischen Ursprung vorweisen kann, hat es schwer, aufzusteigen. Hopf selber lebt mit einer Mexikanerin zusammen. Vom Band läuft deutsche Musik, noch schlimmer als die heute Mittag im Radio. Auch Peter kann sie nicht mehr hören, gesteht er. Doch die Gäste, meist nicht-deutscher Herkunft, wünschen sich die schmalzigen Titel, zu denen man Schunkeln kann. Heino mit seiner Haselnuss oder ganz modern die Wildecker Herzbuben, die dann "Herzilein, du musst nicht traurig sein" trällern.

Die chilenische Jugend allerdings steht auf andere Musik. In den Charts tummelt sich das Weltbekannte, doch getanzt wird zu traditionellen Rhythmen. Man trifft sich in der Bar "Pub la Pinte", die sich in einem Anbau hinter Peters Kneipe befindet. Sie ist das einzige Nachtlokal der Stadt, in das man wirklich gehen kann. Auch sie gehört Peter. Selbst in der Woche ist bis früh morgens bei Live-Musik und Tanz immer etwas los. Die Chilenen tanzen gerne. Wo wäre das Land ohne die Deutschen, höre ich an anderer Stelle. Die deutschen Tugenden werden hoch gehandelt, doch die südamerikanische Mentalität ist unverkennbar und überspielt so manchen (aus deutsch-nationaler Sicht gesehenen) Fauxpas mit einem breiten Lächeln. Das macht das Leben doch erst sympathisch, denke ich, wenn ich auch weiß, wie sehr ich mich selber darüber aufgeregt habe, wenn es nur lapidar bei Fehlern oder Änderungen hieß: Das ist halt Südamerika.

Deutsche sind in Chile hoch angesehen. Selbst als Tourist merkt man dies, wenn man den roten Paß bei den regelmäßigen Polizeikontrollen vorlegt. Gewiss: Die Deutschen haben entscheidend zum Aufschwung im Land beigetragen. Pioniere aus Schwaben, Hessen oder Brandenburg waren es, die das Land – vor allem die Seenregion im südlichen Teil Mittelchiles geprägt haben und aus dem Urwald die Kornkammer Chiles machten. Im Grunde genommen – aber dies wirklich nur am Rande - gehörte Chile den Augsburger Kaufleuten Fugger, die das Land 1526 von Kaiser Karl V. geschenkt bekamen, damit aber nichts anzufangen wussten. 1846 landete das erste Segelschiff mit deutschen Einwandern. Viele folgten den Versprechungen. So manch eine konnte nicht gehalten werden. Die meisten Deutschen leben auch heute noch in eher kleinbürgerlichen Verhältnissen. Bei weitem nicht jeder hat es soweit gebracht wie Peter Hopf.

Puyuhuapi ist so ein Ort. Das 537-Seelendorf wurde von vier Sudetendeutschen 1935 gegründet. Textilingenieur Walter Hopperdietzel baute 1947 eine Teppichfabrik, die noch heute handgeknüpfte Exemplare herstellt. Nebenan liegt das Café Roßbach und wohnen kann man im Hotel Alleman oder im Haus Ludwig. Vor der Tankstelle spricht mich ein Mann in blauer Latzhose mit Vollbart und schmalem Gesicht an. Er erinnert mich in seiner Montur und mit seinen zwei Zapfsäulen unter einem Schieferdach an den Tankwart aus irgendeinem Rühmannfilm der 50er Jahre. Er ist vielleicht Mitte 40 und fragt mich auf Spanisch, wie jemand mit dem Fahrrad in diese Gegend komme. Ich antworte frech, dass er doch sicherlich Deutsch spreche. Ja, sagt er zögerlich mit starkem Akzent und ich merke, dass er sich in diesem Moment verschließt. In seinen Augen, so fühle ich, sehe ich plötzlich einen Anfall von Heimweh und Wehmut. Er müsse jetzt wieder arbeiten, sagt er deshalb plötzlich, obwohl an seiner Tankstelle mit dem kleinen Holzdach niemand auf Bedienung wartet.

Wie an der Tankstelle scheint überall im Dorf die Zeit stehen geblieben zu sein. Eine Zeitreise in das Deutschland der 30er-Jahre. Für die winzigen, teils windschiefen Häuser, kaum drei Meter breit, fehlt wohl das Geld für eine Renovierung. Im Vorgarten hackt ein Bewohner Holz, während die Hühner um die Obstbäume rennen. Viele Häuser haben kein Strom. Autos sind selten. Zum Einkaufen läuft man oder nimmt den Ochs und spannt ihn vor den Karren mit den Holzscheibenrädern.

Noch ärmlicher leben allerdings die hinzugezogenen Chilenen indianischer Abstammung, nicht nur in Puyuhuapi. Viele ihnen verdingen sich als Kleinbauern oder sind arbeitslos. Manch ein Chile-Deutscher schiebt dies auf ihre Einstellung und ihre Arbeitsmoral. Oft sind sie sogar sehr gut ausgebildet, wie Sandra Alonso. Die 26-Jährige ist Heilpädagogin, hat in der Schweiz gelernt und dort drei Jahre gelebt. Sie spricht ein perfektes Deutsch mit leicht Schweizer Akzent. In ihrem Job findet sie keine Arbeit, sagt sie. Die Dunkelhaarige mit indianisch-spanischen Vorfahren hilft deshalb ihren "Papa" auf dem Campingplatz in der Nähe von Coyhaique.

Ob´s ihnen früher besser gegangen sei, möchte ich wissen. Sie hält sich mit politischen Äußerungen zurück. Vielleicht eine Folge der Diktatur unter Pinochet. Die Deutschen, oder besser die deutschsprachigen Nachfahren deutscher Einwanderer sind da schon auskunftsfreudiger. Durchweg beklagen sie die wirtschaftliche Situation in ihrem Land. "Unter Pinochet ging es uns besser" ist oft zu hören. Es ist kein Geheimnis, dass Pinochet unten den Deutschen viele Anhänger hatte. Ganz offen wird auch heute darüber gesprochen, dass man früher viel mehr "schwarz" verdienen konnte. Doch heute frage ein Finanzbeamter schon einmal nach, woher denn das Geld für das Ferienhaus in den Bergen komme, beklagt zum Beispiel Peter Hopf – freizügig nach dem dritten Schnaps.

Über Augusto Pinochet hört man meist nur Gutes. Sicherlich, das Land erlebte unter dem Diktator einen für Südamerika bemerkenswerten (wenn auch nur kurzen) Aufschwung. Doch auf wessen Kosten, mahnen nicht nur die viele Mütter von verschleppten und verschwundenen Söhnen wöchentlich in Santiagos Innenstadt. Tausende Oppositionelle sind in der Zeit verschwunden. Selbst Paul Schäfer und seine berüchtigte Kolonie Dignidad (Kolonie der Würde) kommen in den Darstellungen der Deutschen meist gut weg. So manch einer beklagt im Gespräch, dass immer nur negativ über Paul Schäfer geschrieben werde.

Viele vergessen – oder verdrängen bewusst - dabei, was auf dem hermetisch abgeschirmten Gelände während der Diktatur passierte. In der Kolonie wurde unter Pinochet gefoltert und Paul Schäfer konnte seiner Vorliebe für pädophilen Sex nachgehen. Schäfer war acht Jahre untergetaucht und wurde 2005 in Argentinien festgenommen. Per Steckbrief wurde er von der chilenischen Justiz gesucht.

Die indianischen Chilenen, beispielsweise ein Autoschweißer in Coyhaique, gehen mit dem Thema eher locker um, und nennen Paul Schäfer in einem Atemzug mit Lothar Matthäus. Es sind die beiden einzigen Deutschen, die sie kennen. Den Lothar wird´s freuen...

 

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