Carretera Austral: Traumstraße für Biker

Eine Eigenschaft von Diktatoren ist es, sich ihre eigenen Denkmäler zu setzen. Dumm nur, dass sich viele auch wieder leicht – wenn die Machtinhaber ausdiktiert haben - vom Sockel stoßen lassen. Daran hat wohl auch der ehemalige chilenische Diktator Augusto Pinochet gedacht, als er auf die Idee kam, ein über 1000 Kilometer langes Denkmal zu bauen: eine Straße durch bis dahin dichten Urwald im Süden des schmalen Staates an der südamerikanischen Westküste. 

Der erste Baum fiel 1976 und bereits 1988 konnte ein Großteil der Strecke für den Verkehr freigegeben werden. Es soll der ausdrückliche Wunsch des Diktators gewesen sein, daß die Straße offiziell nach ihm benannt wurde. Das Projekt war nicht unumstritten, schließlich war der Bau sehr kosten- und arbeitsintensiv. Doch Pinochet ging es nicht nur darum, rund 30 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Chiles zu erschließen, sondern vor allem auch diese bis dato weit von der Machtzentrale in Santiago entfernt liegende Region besser kontrollieren zu können.

Heute, fast zehn Jahre nach Ende der Diktatur, hat man den Namen "Augusto Pinochet" aus den Karten und von den Straßenschildern gestrichen. Der Highway heißt jetzt offiziell "Carretera Longitudinal Austral", doch das Militär baut weiter an der Straße.

Nur noch ein kleiner Gedenkstein, erst 1998 errichtet, erinnert an den Ideengeber. Soldaten haben ihn aufgestellt, aus Dankbarkeit oder auch Pflichtbewusstsein gegenüber ihrem Oberbefehlshaber Pinochet, der diese Funktion noch bis 1998 auskleidete. Der Gedenkstein auf dem Anstieg zu den zur Zeit letzten 20 Kilometer ist allerdings nicht das einzige Mahnmal. Immer wieder weisen Kreuze daraufhin, dass auch so mancher Arbeiter, Ingenieur oder Soldat beim Bau der Carretera sein Leben ließ.

Die Carretera ist ein Ingenieursmeisterwerk. Es wurde auf Tunnels und große Brücken verzichtet, meist einspurig windet sich die kleine Straße um und über die Berge. Das Faszinierende dieser Naturpiste hat sich herumgesprochen. Auch immer mehr Mountainbiker zieht es deshalb in den Süden Chiles, um einmal durch den Regenwald zu radeln.

Insofern müsste man als Zweiradfahrer Pinochet eigentlich dankbar sein, denn nur so erschließt sich dem Tourist eine der Traumstraßen Südamerikas durch eine weitgehend ursprüngliche Landschaft, die vor der Straßeneröffnung nur per Boot oder Flugzeug erreichbar war. Für den Radfahrer ist sie wohl die einzige verkehrsberuhigte Fernstraße auf dem amerikanischen Kontinent. Durchweg gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h. Kurios: Erst, wenn man in die wenigen Städte kommt, darf schneller gefahren werden. Natürlich fährt der Südamerikaner meist schneller als erlaubt, doch da die Straße meist einspurig ist, ..... hat dies andere Gründe als die Rücksichtnahme auf die paar verrückten Radler, die gerne den ganzen Tag Staub schlucken. Die Straße ist meist einspurig und oft in solch einem miserablen Zustand, dass schnelles Fahren lebensgefährlich wäre. Ein Auto, dass nach den zahlreichen Regenschauern auf der lehmig glitschigen Piste in den Graben rutscht oder auf dem Dach landet, ist - soweit es freilich nur bei Blechschäden blieb - für uns Zweiradler eine willkommene Abwechslung, mal etwas anderes zu sehen, als Moose, Farne oder Gletscherzungen.

Ansonsten halten einem vor allem endlose Waschbretter und dicke Steinfelder auf, die mehr an ausgetrocknete Flussbette als an eine Fernstraße erinnern. Besonders der nördliche Teil kann zur Materialschlacht werden. Man sollte gut ausgerüstet sein, denn in der Wildnis trifft man Gauchos auf ihren Pferden oder Ochsenkarren mit Holzrädern – nur keinen Fahrradladen. Der nächste, erwähnenswerte für die kleine Reparatur zwischendurch, ist immerhin 600 Kilometer vom Startpunkt in Puerto Montt entfernt. Coyhaique heißt das Städtchen und ist auch nicht hübscher oder besser genauso hässlicher als viele andere süd-chilenischen Siedlungen. Zum Glück gibt es eine Autoschlosserei im Ort, die auch Alu-Gepäckträger repariert. Nach 30 Minuten unter Schutzgas sieht der Träger fast wieder wie neu aus. Der Inhaber, Tomas Enrique Madrid Urea, möchte mich am Ende seiner Unterredung noch mit seinen Deutschlandkenntnissen beeindrucken und fragt nach Lothar Mätthäus, Bayern München und Paul Schäfer, den Chef der berüchtigten deutschen Kolonie Dignidad. Letzterer ist in Chile noch bekannter als der Welt-Fußballer. Heute ist der Deutsche untergetaucht. Nur seine Steckbriefe hängen in den Grenzstationen.

Coyhaique teilt die Tour in zwei Teile, den nördlichen und den weniger frequentierten südlichen Abschnitt. Dazwischen liegen viele staubige eindrucksvolle und einsame Kilometer. Die Carretera Austral bietet alles, was Reiseradlerherzen schneller schlagen lässt: eine einsame Schotterstraße, die an Gletscher vorbei, um Fjordarme herum führt und entlang schneebedeckter Vulkane immer tiefer in den Regenwald eindringt. Rund ein Dutzend Nationalparks passiert man auf der Reise nach Süden. Nach 200 km erreicht man den kleinen verschlafenen Ort Puyuhuapi, der 1932 von Sudetendeutschen aufgebaut wurde. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Hauptarbeitgeber ist eine kleine Teppichfabrik des Einwanderer Walter Hopperdietzel. Der rote Bau, wie auch die vielen kleinen Holzhäuser mit den gepflegten Vorgärten könnten so auch in Osteuropa stehen. 

Einige, der rund 700 Einwohner sprechen auch heute noch Deutsch, auch wenn nicht so gerne. Zum Beispiel der Tankwart: kantiges, schmales Gesicht, eingerahmt von einem Vollbart. Mit der blauen Latzhose bedient er die wenigen Autofahrer, die die kleine Säule unterm dem Holzdach am Kai finden. Der Radfahrer kann im Café Rossbach auftanken oder den Spuren der Deutschen im Hotel Alemana nachgehen.

Auf der weiteren Fahrt fanden viele Indianer-Chilenen (wie die Deutsch-Chilenen die Ureinwohner nennen) ein neues Heim. Sie leben unter ärmlichen Verhältnissen, betreiben Ackerbau und Viehzucht. Die Straße ist ein Magnet für Neusiedler. Der Wald bleibt dabei meist auf der Strecke und wird abgeholzt oder einfach verbrannt. Ein paar Pfähle hebt man sich aber auf, denn Chilenen lieben den Zaun. Noch bevor man sich überlegt, was man mit dem Land anfängt, wird erst einmal ein Zaun gezogen.

Der Grund sind nicht die wenigen Radfahrer, die auf den Weiden und im Wald ihr Zelt aufstellen wollen, sondern Kriminelle, die in nächtlichen Aktionen ganze Wälder abholzen und abtransportieren. Trotz des Raubbaus bleibt immer noch genügend Wald übrig, in das man abends mit dem Rad verschwinden kann. Vielerorts ist die Vegetation allerdings so dicht, dass bereits nach einem Meter kein Vorankommen mehr möglich ist. Sehr oft zelte ich deshalb auf Flussbänke. Das Wasser ist stets trinkbar, klar und frisch. Die Natur scheint noch intakt zu sein. Bis auf den Puma, den man aber so gut wie nie sieht, gibt es auch keine gefährlichen Tiere. Es ist eine sichere Radtour. Auch die Menschen, den man auf der Straße, die Fuß-, Fernverkehrsweg und Treffpunkt zugleich ist, begegnet, sind sehr freundlich und meist sehr neugierig, wieso ein Weißer ihr Land mit dem Rad bereist.

Je tiefer man nach Süden vordringt, desto einsamer wird es. Die letzten 200 Kilometer sind (noch) Sackgasse. 1100 Kilometer sind mittlerweile erfahrbar. Es wird aber weiter gebaut, schließlich möchte man irgendwann, in vielleicht zehn Jahren den Durchbruch nach Südchile schaffen. 

Noch ist Schluss in dem Militärstützpunkt Puerto Yungay. Drei Soldaten und drei Zivilisten halten dort die Stellung. Als Radfahrer ist man dort "Stadtgespräch" schließlich kommt es nur alle paar Monate vor, dass ein Biker das letzte Stück von 130 Kilometer erradelt. Denn Biker mögen keine Sackgassen, zumal im tiefen Süden auch der Verkehr sich auf zwei oder drei Autos pro Tag beschränkt. Die Piste ans Ende der Welt ist steil und stark ausgewaschen. Bäume haben sich auf die Straße quergelegt. Keiner kommt auf die Idee sie wegzuräumen, man sucht sich einfach einen neuen Weg oder fährt drüber hinweg. Teilweise ist die Straße gleichzeitig Fluss. Vielleicht drei Meter breit ist sie spektakulär in den Fels gehauen worden. Kein Geländer schützt einem vor dem Abgrund. Mag sein, dass es 400 Meter tief in die Schlucht hinab geht. 

Puerto Yungay liegt an einem Seitenarm des Pazifiks.  Die Soldaten erwarten mich bereits, laden mich spontan zu einem Kaffee ein. Im Hintergrund scheppert ein Funkgerät und hält den Kontakt zur Hauptstadt Santiago aufrecht. Viel los ist hier wahrlich nicht. Die Unterkünfte der Soldaten sind ebenso verwaist, wie die kleine Kirche. Drumherum ist nicht viel mehr als Wildnis und Sumpf.

 

Fahrradtest.de ist ein Service von Journalia Kommunikation. Alle Rechte vorbehalten. Diese Inhalte dienen ausschließlich zur privaten Nutzung und zur individuellen Information des Nutzers. Eine Speicherung in Datenbanken sowie jegliche Weitergabe an Dritte im Rahmen gewerblicher Nutzung oder zur gewerblichen Nutzung sind nur mit schriftlicher Genehmigung durch Journalia Kommunikation gestattet. Wir haften nicht bei Fehlern, inhaltlichen oder textlichen Fehlern. Im Übrigen gelten unsere Nutzungsbedingungen. Für den Fall, dass Sie die Inhalte der Webseite Fahrradtest.de weitergeben, speichern oder gewerblich nutzen möchten, bieten wir Ihnen an, Content-Partner zu werden.