Patagonien: Wenn die Maus übers Zeltdach rutscht


Patagonien Routa 40Wenn man jemandem in der Pampa Argentiniens die Augen verbinden würde, ihn zehnmal um die eigene Achse dreht und dann fragt: "Wo ist Westen". Er bräuchte für die richtige Antwort noch nicht einmal einen nassen Finger in den Wind halten. Denn die nächste Böe würde ihn einfach nach Westen blasen. Nichts ist in der Steppenwüste Patagoniens, am südlichen Zipfel Südamerikas, so beständig wie der Westwind. Jedenfalls so lange, wie die Sonne scheint. Verschwindet sie hinterm Horizont, legt sich eine einzigartige Stille über die Wildnis. Als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, wodurch das riesige Gebläse zum Stillstand kommt. Bis zum nächsten Morgen. Es gibt aber auch Glückstage, die bis zum Mittag fast windstill sind.

Route 40Oder es weht bereits in der Nacht so stark, dass selbst Kriechen anstrengend ist. Spitzengeschwindigkeiten um die 200 km/h sind keine Seltenheit. Nichts darf dann lose sein, der Wind würde es im Nu über die weite, flache Landschaft wehen. Nachts sind nicht die typischen Fallwinde auf der Ostseite der Anden der Grund für die ungeheuren Naturkräfte, sondern die berüchtigten Stürme vom Pazifik, die schon so manchen Segler, der ums Kap Horn wollte, den Mast weggerissen hat. Die natureigene Wettervorhersage meldet am Himmel den Sturm bereits Stunden zuvor: Kleine, schmierige Wolkenfilme, rundlich wie Ufos, ziehen dann über den sonst meist wolkenlosen Himmel.

Zeltplatz in PatagonienZum Glück regnet es selten in der Pampa. Das Zelt, die einzige Unterkunft über Hunderte von Kilometern, muss deshalb vor allem windstabil sein. Auf Grund der Trockenheit wächst in der Pampa nicht sehr viel. Hellgelbe Grasbüschel stauben unter den Schritten auf dem Weg zum nächsten Zeltplatz. Auch heute nacht ist es wieder Plätzchen neben einem Dornenbusch. Kaum einen Meter hoch, hat das verdorrte Gestrüpp sich über die Jahre der Windrichtung angepasst und wächst – wie könnte es anders sein, nach Westen. Dornenbüsche sind der ideale Windschutz, weil auch der einzige weit und breit. Doch auch die Natur hat diese Vegetationsinsel als Residenz entdeckt. Sie sind kleine Biotope, in denen die Vögel nisten, die Mäuse ein- und ausgehen und dann zu allem Überfluss oben am Himmel die Raubvögel kreisen, die auf eine passende Gelegenheit für den Sturzflug warten. Man kann fast die Uhr danach stellen: Wenn es dunkel wird in der Prärie, beginnt das Rascheln im Busch.

Straßenschild in PatagonienDer Vogel sucht dann verzweifelt seinen gewohnten Eingang, den man mit dem Zelt verstellt hat, und der Mäusebau endet plötzlich unter dem Vordach. Im Gegensatz zu den Hamstern, die ihre Rennen ums Zelt nur bei Tageslicht veranstalten, werden die Mäuse erst nach Sonnenuntergang aktiv. Beide findet man auch in den wenigen Oasen, die sich an Gletscherflüssen oder Quellen befinden. Besonders auf verlassenen Estanicias. Diese ehemaligen Bauernhöfe bieten oft noch eine reiche Auswahl an Obstbäumen. Eine Estancia sieht man bereits meilenweit. Zum Hof gehört nämlich nicht nur ein, meistens aber mehrere extrem aggressive Hunde (wenn der Hof denn überhaupt noch bewohnt ist), sondern auch die Pappeln. Dieser schlanke Baum kommt sonst in der patagonischen Natur nicht vor. So signalisiert der wie eine Fahnenstange gewachsene Baum: "Wasser!".

Ist der Hof aufgegeben worden, was in dieser Gegend oft vorkommt, kommen auch die Tiere der Umgebung in diese Vegetationsinseln. Hasen, Füchse, Stink- und Gürteltiere, aber auch Nandus (eine sehr scheue Straußenart) und Guancos (eine nicht spuckende Lama-Art). Sie "besuchen" dann die ständigen Bewohner. Häuslich eingerichtet haben es sich dort vor allem Mäuse, Ratten und Hamstern. Von einem ihrer Aussichtspunkte wartet deshalb ein – überhaupt nicht scheues - Eulenpärchen mit stetigem Augenblinzeln auf die Nacht und eine gute Gelegenheit.

Patagonien Während die Hamster zu fett sind, um aufs Zelt zu klettern, machen sich die anderen Nager einen Spaß daran, dem neuen Bewohner auf den Kopf zu steigen und mit Krach auf der anderen Seite hinunter zu rutschen. Fantasia-Land in der weiten Pampa. Jeder darf einmal. Rechts rauf und links runter, einmal ums Zelt und der Spaß beginnt von vorne. Ganz Mutige wählen das steilere Innenzelt. Von innen hört man nur ein Ratschen der Krallen und sieht nicht viel mehr als ein Schatten über dem Kopf, der zur anderen Seite huscht.

Das Dumme: Selbst mit Krach und Zeltschütteln kann man sie nicht dauerhaft verscheuchen. Sie sind hartnäckig und zu viele. Außerdem sind sie nicht sehr lernfähig, jedenfalls, wenn es nach unseren Vorstellung geht. Während man Ratten dadurch verscheucht, in dem man sich auf die Lauer legt, einen Schlitz vom Innenzelt offen lässt und sie dann bei passender Gelegenheit mit einem Deo besprüht, macht das den Mäusen offensichtlich nichts aus. Draußen liegen lassen darf man sowieso nichts. Selbst die Zeltunterlage wird angenagt. Eines ist so sicher wie der stets aufkommenden Westwind. Wenn es nächstes Mal nach Patagonien geht, ist eine Mausefalle mit im Gepäck.