Der Rallarweg in Norwegen

Es ist der bekannteste Radweg Norwegens und an sommerlichen Wochenenden auch einer der am meisten frequentierten. Der Rallarweg war ursprünglich eine Versorgungsstraße während der Zeit, als die Bergenbahn über den 1301 m hohen Paß geführt wurde. Der Bau begann 1898 und war 1909 beendet. Die Straße war 1902 fertig. Mit dem Abschluß der Bauarbeiten hatte auch die für Pferdefuhrwerke ausgelegte Straße neben der Bahnlinie ihre Funktion erfüllt.

Fast 60 Jahre lang ist die Strecke in Vergessenheit geraten, teilweise während der jährlichen enormen Schneeschmelze weggeschwemmt worden. Erst zu Beginn der 70er Jahre wurde sie reaktiviert und seit dem Ende der 80er Jahre erlebt der Fahrradweg einen regelrechten Boom. Der Rallarweg ist zum Großteil für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Nur die ersten 16 Kilometer und die letzten ungefähr 12 Kilometer der insgesamt 80 Kilometer langen Strecken dürfen mit motorisierten Vehikel befahren werden. Doch das autofreie Radeln ist nur ein Grund für den Erfolg. Nirgendwo sonst kann man die abwechslungsreiche Natur Norwegens in so kurzer Zeit kennenlernen. Man radelt durch die von Moosen und Flechten bedeckte Hochebene der Hardangervidda, durch von Eis und Wind gezeichnete steinigen Landstriche und an grauweiße Altschneefeldern vorbei. Der Sandweg führt auch an zwei Gletschern vorbei. Recht nahe kommt man dem 1862 m hohen Gletscher Hardangerjökullen.

 

Der Rallarweg ist sehr leicht zu radeln, wenn man die richtige Richtung wählt. Selbst mit Kinder kann man sich auf Tour begeben. Wer von Haugastol aus startet fährt fast nur bergab. Haugastol liegt auf 990 m, so geht es zunächst leicht bergauf, bis man mit 1343 m über dem Meer den höchsten Punkt erreicht. Von nun fährt man hinab bis auf Meereshöhe nach Flam. Der Clou: Wer in Haugastol sein Auto geparkt hat, kann zurück mit der Eisenbahn fahren, die im Sommer spezielle Züge mit Fahrradabteilen benutzt. Für den Tourenradler bleibt neben der Eisenbahn, die Fähre oder nächste Paß, der gleich wieder auf alpines Niveau führt. So ist halt Norwegen.

 

 

Wer nur den Rallarweg radeln möchte, braucht dafür kein eigenes Fahrrad mitbringen. In Haugastol werden spezielle Mountainbikes, die Rallarsykel, vermietet.  Die Bikes können gegen eine geringe Gebühr auch in Flam abgestellt werden. Die Mountainbikes sind sehr beliebt und teilweise schon über Monate (besonders zum Wochenende) ausgebucht. Viele, so berichtet der Monteur in der Verleihstation von Haugastol, reservieren gleich wieder fürs nächste Jahr. Weitere Ausleihen befinden sich in Geilo, Voss und Flam.

 

Unterwegs gibt es etliche Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten. Der beste Rastplatz bietet sich nach 27 km an. In Finse hält auch den Bergenbahn. Finse liegt auf 1222 m über dem Meer ist damit Norwegens höchstgelegenster Bahnhof. Das Dorf mit etwa 50 ständigen Einwohnern lebt einzig und allein vom Tourismus und dem Service für die Eisenbahn. Direkt im Bahnhofgebäude befindet sich auch ein sehr sehenswertes Museum, in dem man mehr über den Bau der Bergenbahn und seine Arbeiter erfährt.

Die Wanderarbeiter, die sich beim der Eisenbahnstrecke verdingten, nannte man übrigens „Rallar“. Typisches Outfit: Breiter Hut, Schlapperhose, Stiefel und Spaten. Sie sahen in etwa so aus, wie man sich die Goldsucher in Alaska vorstellt. Auch wenn die Strecke gut zu radeln ist und man es theoretisch an einem Tag bis Flam schafft, sollte man sich mehr Zeit nehmen. Und vor allem sollte man – wenn möglich – das Wochenende meiden. Sonnabend und Sonntag radelt man wie bei einer Fahrrademo gen Tal. Es scheint so als wäre ganz Oslo auf dem Fahrrad. Dann geht es Vorderrad an Hinterrad die Strecke bergab. Die Massen an Radfahrern vermiesen einem dann die Möglichkeit, die einzigartige Landschaft und vor allem die Ruhe zu genießen, die sonst nur ab und zu von dem Quietschen der Bahn unterbrochen wird. Ein Teil der Eisenbahnstrecke verläuft durch einige Tunnels, so daß man in diesem Abschnitten völlig alleine ist.

Nördlich von Finse wird die Landschaft zunehmend rauer. Hier oben auf rund 1300 Meter liegt bis tief in den Sommer Schnee. Bei guten Wintern kann es vorkommen, daß man das Fahrrad über Altschneefelder schieben muss, denn die Strecke wird – zum Glück – nicht geräumt.Je tiefer es geht, desto grüner wird die Umgebung und desto reißender werden die Flüsse. Auf kleinen Holzbrücken geht es über Stromschnellen und an Schluchten vorbei.

Während die Bergenbahn nach Westen abbiegt und in Richtung Voss in einen Tunnel verschwindet, wird für den Radfahrer der letzten Abschnitt zum Test der Bremsen. In 21 Haarnadelkurven geht es abenteuerlich mit mehr als 16 Prozent bergab zum Aurlandsfjord. Die Flambahn wählt logischer einen anderen Weg und zieht in großen Schleifen am Berg entlang. Die Bahnstrecke ist die steilste in Nordeuropa. Auf 20 km gewinnt der Zug 865 Meter an Höhe.