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Das Eishotel in Jukkasjärvi

Das wird keine gewöhnliche Nacht. An der Rezeption des Hotels bekommen wir nicht etwa einen Schlüssel, sondern einen Schlafsack in die Hand gedrückt. Bis minus 25 Grad soll der Wärme spenden. Und die "Empfangsdame" im dicken Winteroverall fügt hinzu: "Keine Bange, in den Zimmern sind es nur zwischen minus vier und neun Grad".

Was sonst schleunigst zur Abreise führen würde, ringt uns hier in Nordschweden ein vorsichtiges, die Unsicherheit überdeckendes Schmunzeln ab. Schließlich haben wir uns freiwillig dazu entschieden, eine Nacht in dem weltweit einzigen Eishotel zu verbringen.

Das größte Iglu der Welt steht in Jukkasjärvi, knapp 30 Kilometer östlich von Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens. Seit 1991 baut man dort im schwedischen Teil Lapplands Eishäuser. Zunächst war es wirklich nur ein Iglu mit rund 60 Quadratmetern, das als Ausstellungsraum diente. Heute ist das Eishaus zu einem 3500 Quadratmeter großen Komplex angewachsen, mit zehn Suiten und 36 Doppelzimmer für 120 Personen, einer Bar, Sauna, Ausstellungsräumen, einem japanischen Wintergarten und einer separaten Kapelle.

Bei der Einführung ins "Eisschlafen" am späten Nachmittag werden wir in die richtige Kunst des "In-den-Schlafsack-einmummelns" eingeführt. Den Gesichtern einiger Probanden merkt man die Unsicherheit an, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen ist, auf den Spuren von Rüdiger Nehberg zu wandern. Doch auch ohne einschlägige Survivalerfahrung ist der Aufenthalt unter der Eisdecke überhaupt nicht gefährlich. Allenfalls ungewohnt und besonders kalt.

Aber auf alle Fälle wärmer als draußen. Zwischen Oktober und Mai herrscht in diesen Breiten nördlich des Polarkreises Dauerfrost. Temperaturen um die minus 40 Grad sind dann keine Seltenheit. Das Gebiet gilt als der Eiskeller Schwedens. Bis in den Mai hinein liegt dick Schnee. Gute Bedingungen für ausgiebige Ski- und Schneebob-Touren und selbstverständlich für eine lange Saison des Eishotels.

Heidi, unser Zimmermädchen, zeigt uns die Räume, die von einer Haupthalle (in dem ein lebensgroßer "Eis"-Bär wie ein stiller Portier wacht) rechts- und linksseitig durch schmale Gänge zu erreichen sind. Wir besichtigen die geräumige Hochzeitssuite und ein Zimmer, das über Eisfenster verfügt, in denen bei Mondschein ein in das Glas gefräster heulender Wolf zu erkennen ist. In anderen Zimmern blinzelt am Morgen bei schönem Wetter die Sonne durch eine drei Meter hohe Eisspalte. Sämtliche Zimmer wurden von schwedischen Eis-Künstlern gestaltet. Bis auf den mächtigen Kronleuchter aus Eiskristallen im Foyer wird das gesamte Gebäude jedes Jahr neu entworfen.

Die Einrichtung der Zimmer entspricht der Temperatur: unterkühlt. Keine Minibar, keine elektrischen Lampen, keine Schränke, nur ein einfaches Bett, das auf einem Eisteppich ruht. Geschlafen wird auf Rentierfellen, die immerhin auf einer Schaumstoffmatratze liegen, welche wiederum auf einem Holzbrett ruht. Die Heimwerkerplatte ist gegen die Kälte luftisoliert: sie lagert auf vier Eisquadern. Kissen werden allerdings nicht verteilt. "Es soll wenigstens ein bißchen wie früher sein", sagt man uns. Fernab von der Zivilisation und der Nullgradgrenze fügen wir uns dieser Vorgabe.

Das Licht in den Zimmern liefern kleine Teelichter. Sie brennen die ganze Nacht. Soweit sie in die Wände eingelassen wurden, fressen sie sich immer tiefer in die Eiswand hinein. Es gibt keine Türen, nur leichte Vorhänge sollen – erst seit der vergangenen Saison – vor allzu neugierigen Blicken schützen. Viel sehen kann bei dem schummrigen Licht sowieso nicht. Vom Nachbarn sieht man nichts und hören kann man ihn schon gar nicht. Jeden Laut schluckt der dicke Panzer aus Eis und Schnee.

Aufwärmen kann man sich im Eishotel vor allem innerlich. Vor der Nachtruhe empfiehlt sich ein Besuch der "Absolut Ice Bar", in die man nur durch ein Portal gelangt, welches so ausschaut als sei eine drei Meter große Wodkaflasche im Eis eingebrochen.

Mit viel Glück trifft man an der mit Kaltlicht bestrahlten sechs Meter langen Eistheke Kate Moss, Naomi Campbell oder Marcus Schenkenberg wie sie an einem "Artic Blue" oder "Northern Light" nippen. Selbstverständlich aus rein beruflichen Gründen, denn die eisige Trinkhalle gilt in der Werbebranche als der Ort für ausgefallene Aufnahmen. Und das nicht erst seitdem das US-Magazin "Newsweek" diese "Ice-Bar" zu einer der kuriosesten in der Welt gewählt hat.

Ausgeschenkt werden die Getränke nicht "on the rocks", sondern "in the rocks". Die Gläser sind aus dem Eis des nahen Flusses Torne Älv hergestellt. So wird Trinken zum wahren Lippenbekenntnis. Genießer fräsen eine Kerbe ins Glas, während Schluckspechte keine (sichtbaren) Spuren hinterlassen.

Zum Relaxen schaut man ins Kino oder läßt sich im Foyer in Hemmingway´s Ecke in einen Sessel nieder. Über einem wacht ein Elchkopf. Alles ist echt. Echt aus Eis, nur das Kaminfeuer ist künstlich.

Jedes Jahr im Frühjahr beginnen die Vorbereitungen für die kommende Saison. Im Herbst, meist im November, wenn sich der erste Schnee über das Land legt, machen sie sich an den Aufbau. Zirka 2000 Tonnen Eis und 30000 Tonnen Schnee werden zu dem Riesen-Iglu verarbeitet. Ein Teil des Hauses, erklärt Arne Berg, einer der fünf verantwortlichen Künstler, wird mit einer Metallgußform gebaut, die mit Schnee und Wasser benetzt wird. Nur so lassen sich auch die vier Meter hohen Räumen stabil bauen.

"Das Eis ist voller Leben. Es verändert ständig seine Strukturen", sagt Berg. "Schauen Sie nur auf das Elchgeweih in Hemmingway´s Ecke". Warum es nur die linke Geweihhälfte, wie das Ohr eines Hush-Puppies hängen läßt, weiß auch der Fachmann nicht zu beantworten. Ein paar Jahre zuvor hatte man im übrigen einen Elchkopf in die Wand eines Zimmers integriert. Der Elch hielt nicht sehr lange, denn viele wollten ausprobieren, wie es sei, wenn sie einen Elch knutschen. Die Gäste haben es überlebt, der Elch nicht: Irgendwann konnte man nur noch von außen das Hinterteil bewundern.

Etwas abseits des Hotels steht die kleine Kapelle. Seit 1992 wird sie von der in Kiruna lebenden Künstlerin Barbro Behm gebaut. Auch während der Saison arbeitet sie in dem Gotteshaus an Skulpturen. Pünktlich zum ersten Weihnachtsfeiertag muß das Haus fertig sein. Dann kommt der örtliche Pastor mit einer Thermoskanne voll Weihwasser und segnet die Kapelle. Sehr beliebt sind Trauungen und Taufen. Bis Mitte April – so der Wettergott will - kann man sich das Ja-Wort geben. Bei Taufen gibt es allerdings eine Einschränkung: Die Getauften müssen in ihrem Namen das schwedische Wort für Eis "Is" tragen, also beispielsweise Iris oder Gisbert heißen.

Wir gehen ins Bett, denken an die Anleitung zum Einmummeln und fragen uns, ob wir morgen nicht als Eiszapfen aufwachen. Als wir nach einen kurzen Nacht durch einen "Boy" mit einem Becher heißem Saft geweckt werden, geht der erste Blick aufs mitgebrachte Thermometer: minus acht Grad Raumtemperatur. Ob draußen die Sonne scheint oder ein Schneesturm die Sicht auf ein paar Meter beschränkt, können wir aus unserer Eishöhle nicht beurteilen. So fällt es uns noch schwerer, aus den Schlafsäcken zu kriechen. Doch der Wunsch, in einer Sauna wieder einmal richtig schwitzen zu können, ist schließlich stärker. Während wir unsere kalten Sachen anziehen, machen sich die Reinigungskräfte bereits ans Saubermachen: Mit einem Spaten wird sporadisch die oberste Schicht Schnee einfach abgekratzt, während ein Kollege schubkarrenweise den neuen Teppich aus schneeweißen Kristallen "auslegt".

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