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Das erste Mountainbike wurde einem Touristen abgekauft

Lange Zeit war Rad fahren in Island ein Kuriosum. Selten besuchten Fahrradtouristen die Insel, zu schnell lernte man den inneren Schweinehund. Ein Isländer wäre bis vor kurzem nie auf die Idee gekommen, freiwillig auf ein Fahrrad zu steigen. Der Grund: Zu schlechte Straßen und zu schlechtes Wetter. Früher wurde gar auf Velos eine Luxussteuer erhoben, weswegen aber niemand protestierte. Es hat ja auch keinen gestört, dass es bis vor knapp zwölf Jahren kein legales Bier gab und der Donnerstag lange Zeit - staatlich verordnet - fernsehfrei war.

Dass in Island trotzdem so etwas wie eine kleine Fahrradbewegung entstehen konnte, haben die Isländer weder dem eifrigen Bier- noch dem intensiven Fernsehkonsum zu verdanken, sondern einzig und allein Magnus Bergsson. Der Reykjaviker sah eines Sommers einen von diesen verrückten Fahrradtouristen mit einem ungewöhnlich robusten Fahrrad durch die Straßen kurven. So ein Rad hatte er im einzigen Fahrradladen der Insel noch nicht gesehen. Es war jene Zeit, als die ersten Mountainbikes auch auf dem europäischen Festland gesichtet wurden. Räder mit Stollenreifen, breiten Felgen und vielen Gängen, wie geschaffen für die Stein- und Sandpisten Islands. "Super", dachte Magnus und kaufte das Mountainbike dem Touristen ab. Damit gründete er den Mountainbikeclub Islands. Zehn Jahre liegt dieses Ereignis zurück.

Mittlerweile hat der Verein "Islenski Fjallahjólaklubburinn (IFHK) über 500 Mitglieder. Klingt nach wenig Unterstützung, doch in einem Land mit nur 278 000 Einwohnern ist das ein großer Club. Prozentual hat somit der IFHK sogar mehr Mitglieder als der ADFC!

Schon lange ist der IFHK nicht nur Magnus´ Club, auch wenn er immer noch zu dem engen Zirkel gehört. Zwar zeichnet er weiterhin verantwortlich fürs Mitgliedermagazin, der einzigen Fahrradzeitschrift Islands. Magnus ist bekannt für seine Fahrradneigung. Magnus liebt als einer der wenigen Isländer die extremen Biketouren. In Reykjavik ist der Elektriker deshalb fast so bekannt wie Björk. Irgendein Rad steht immer im Flur seiner Wohnung. Stets fertig bepackt mit Ortliebtaschen und Trinkflaschen. Auf einer Karte trägt er mit einem Filzstifte sämtliche Wege ein, die er erradelt hat. Ein dichtes Spinnennetz durchzieht die isländische Landschaft. Viele dieser Pisten sind in keiner Karte eingetragen. Denn Magnus fährt am liebsten dort, wo andere noch heute lieber ein Pferd nehmen.

Jeden Donnerstag trifft sich eine Gruppe Verrückter in ihrem Clubhaus in Reykjaviks Zentrum zum Meinungsaustausch. Man trinkt Kaffee, schraubt gelegentlich an den Rädern herum und setzt sich vor den Fernseher oder blättert in der reichen Auswahl an Bike-Magazinen. Neue Projekte werden besprochen, Kampagnen für ein fahrradfreundlicheres Reykjavik ausgearbeitet, aber auch die regelmäßigen Ausflüge vorbereitet. Im Sommer bringen ausländische Gäste ein wenig Abwechslung. Island liegt zwar weit weg vom Schuss, doch hinterm Mond lebt man hier nicht (wenn auch es vielerorts wie auf dem Mond aussieht). Die Bikes vor dem Clubhaus sind von bester Qualität – Markenprodukte von Cannondale, Trek, Giant oder Gary Fisher. Schlechte Qualität würde sich auf Islands Straßen, die zum Großteil nicht asphaltiert sind und oft nicht überbrückt sind, schnell rächen. Ihre teuren Lieblinge schließen sich meist an. Jedenfalls in Reykjavik. Aber eigentlich nur, weil es lästig ist, aufs Rad ein paar Tage zu verzichten, bis es irgendwo gefunden wird ("Weil wieder einmal ein Besoffener zu faul zum Laufen war, und es sich deshalb ´ausgeliehen` hat", wie Magnus es ausdrückt). Natürlich sind die Räder nicht billig. Aber teuer ist in Island eigentlich alles - außer Trinkwasser. Das Doppelte des deutschen Preises gilt schon als Schnäppchen.

Hinzu kommen die atemberaubende Preise für Werkzeug und Zubehör. Allein für einen schlichten Inbusschlüsselsatz, den man in Deutschland für vielleicht 15 Mark bekommt, muss man 80 Mark auf den Tisch legen. Ein Pedalschlüssel kostet leicht umgerechnet 100 Mark. Da ist man froh, wenn man sich das Werkzeug im Club teilen kann. Viel wird per Internet oder Katalog bestellt, oder man kauft dank der Clubmitgliedschaft mit deutlichen Rabatten in den mittlerweile sehr zahlreichen Bikeläden der Stadt.

Die Demonstration der raren isländischen Überzeugung zum Zweirad lässt man sich einiges kosten. Zum Rad gehört auch das passende Outfit. Die Uniformierung mit Radhose und Trikot ist politische Demonstration. In den schrillen Farben fällt man auf. Stramme Waden werden gerne gezeigt, straffe Oberkörper nur wegen der Kälte mit modischen Trikots verhüllt. An diesem August-Abend sinkt das Thermometer auf vier Grad, die Radhose wird trotzdem nicht ausgezogen. Mann zeigt Bein. Selbst wenn man Mitglieder Zuhause besucht, laufen sie immer noch in Radkleidung herum. Natürlich geht man auch in die Pubs mit Radschuhen und Radhose. Der Türsteher schaut zwar ein wenig komisch, doch wenn´s Probleme mit dem Einlass gibt, irgend einer aus der Gruppe kennt ihn immer oder wenigstens seinen Bruder, seine Freundin oder wen auch immer aus seiner Bekanntschaft. Das Outfit wird nur am Samstagabend gewechselt, dann ist man besonders auf der Pirsch. Das Nachtleben ist anstrengend und hart. Ich frage einen Biker, mit wie viel Frauen er geschlafen hat, die sich in diesem Pub aufhalten. "Mindestens mit drei", sagt er. So genau weiß er es aber nicht mehr. Das sei nicht ungewöhnlich, fügt er hinzu.

Rad gefahren wird hauptsächlich in Reykjaviks Zentrum. Außerhalb der Hauptstadt trifft man fast nur Touristen. Auch so ein Touri war Mick Jagger, als er auf einen Mountainbike im Nordwesten der Insel gesichtet wurde. Jagger war gerade mit einer australischen Yacht im Hafen von Isafjörður angekommen und wollte sich mit Literatur eindecken. So radelte der Rolling-Stone-Frontmann völlig unbemerkt zur nächsten Buchhandlung und fragte nach englischsprachigen Reiseführer über Island. Der Buchhändler zeigte auf ein Regal und Mick sagte: "Packen Sie mir alle ein". Vorsichtig fragte der Händler, ob er vielleicht Mick Jagger sei. "Ja", sagte Jagger, zahlte und ging. Es dauerte nicht lange und alles was unter 20, blond, weiblich und einen Minirock besaß, machte sich nach Isafjörður auf, um von der einen Nacht mit dem Superstar zu träumen. Trotz der Werbung fürs Biken in Island ist Jagger noch nicht Ehrenmitglied beim IFHK. Vorsitzende des Vereins ist Alda Jóns. Die blonde Isländerin hat schon so manchen männlichen Dick-Schädel in der motordunstbesudelten isländischen Gesellschaft für die Sache Fahrrad erwärmen kann. Das ist ganz hilfreich, denn die isländische Gesellschaft kennt eigentlich nur vier Fortbewegungsmittel: Jeeps, Pferde, Flugzeuge und Boote.

Mit Alda kommt der Verein auch zunehmend aus der Hardcore-Ecke heraus. Der politische Anspruch ist größer geworden. Man mischt sich immer mehr in die Verkehrspolitik ein, versucht die autogerechte Stadt zu verhindern. Einen ersten Erfolg konnte man vor drei Jahren verbuchen. Über eine achtspurige Schnellstraße wurde die ersten Fußgänger- und Radfahrerbrücke errichtet. Lange wurde das Projekt behindert. Protestiert hatten vor allem die LKW-Fahrer, die befürchteten mit ihrer Ladung an der Brücke hängen zu bleiben.

Die Mitglieder des Clubs verabreden sich oft am Wochenende zu kurzen Touren. Meist wird ohne viel Gepäck gefahren, denn ein Jeep fährt hinterher oder voraus. So wie die Touristen, die mehrere Wochen oder gar Monate mit Zelt und Trockensuppenrationen das Land bei Wind und Wetter erkunden, fahren nur sehr wenige Isländer Rad. Die meisten radeln sowieso nur in Reykjavik, doch dort werden es immer mehr. Mittlerweile werden die Anliegen des IFHK wenigstens in der Stadtregierung gehört. Doch bis das Rad als individuelles, umweltfreundliches Verkehrsmittel akzeptiert sein wird, muss wohl Mick Jagger mit Björk durch Reykjavik radeln.

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