Die Westfjorde Islands

Bjargtangar ist der westlichste Zipfel Islands, das Westkap Europas. Wir sind in den Westfjorden der Insel. Wie eine zerzauste Klaue ragen die Fjorde in den Atlantik hinaus. Nur durch einen schmalen Steifen von acht Kilometern sind sie mit dem Rest der Insel verbunden.

 Das "Ende der Welt" scheint es nicht zu sein. Doch könnte man von Bjargtangar unendlich weit nach Süden schauen, dann wäre das nächste Stück Land die Antarktis.

Manche Isländer sagen, in die einsamen Fjorde, von denen nur wenige mit dem Auto erreichbar sind, hätten sich viele Elfen und Trolle zurückgezogen. Als vor eineinhalb Jahren das Fischerdorf Suðavík von einer Lawine verschüttet wurde und 14 Menschen starben, sprach die Insel von der Rache der Elfen. Viele Isländer meiden deshalb die Westfjorde. Aber auch Touristen verirren sich nur selten in die zerklüftete Küstenregion. Hauptgrund ist, daß die wichtigste Straße Islands, die Ringstraße Nummer 1, die Westfjorde links liegen läßt. Die Straßen in den Westfjorden sind schlechter als der isländische Durchschnitt, die Pässe höher und steiler, die Infrastruktur dünner und die Fjorde länger und zerflüfteter als in anderen Teilen der Insel. In einem Gebiet von 9000 km2, das nur ein Zwölftel der Gesamtfläche Islands aufweist, aber nahezu ein Drittel der isländischen Küste enthält, verlieren sich die meist geschotterten Straßen in der Weite der rauhen Landschaft. Gerade mal 10000 Menschen leben in den Westfjorden, davon alleine 3500 in der Hauptstadt Ísafjörður.

Noch kann Ísafjörður nicht so recht von der Anziehungskraft des westlichsten Zipfels Europas profitieren. Noch weist kein Schild auf den besonderen Ort von Bjargtangar hin. Noch steht kein Kiosk, in dem Snacks verkauft werden. Nur einen kleinen Parkplatz gibt es vor dem Leuchtturm. Die Straße dorthin ist schlecht, einspurig führt sie teilweise über weißen Sandstrand.

Vor allem im Winter konnte durch die Leuchtzeichen des weißen Turmes so manches Fischerboot vor den tückischen Strömungen vor dem Kap gerettet werden. Doch für einige kam die Warnung zu spät. Eine dramatische Rettungsaktion ereignete sich im Jahre 1947, als der britische Trawler Dhoon an den Klippen zu zerschellen drohte. Durch das beherzte Eingreifen der Fischer aus den umliegenden Dörfern konnten alle zwölf Bootsleute gerettet werden. An Tauen, die sie normalerweise zum Einsammeln der Papageientauchereier benutzten, seilten sich die Fischer an der 400 Meter hohen Steilküste ab. Der einzige noch lebende Augenzeuge der damaligen Rettungsaktion ist Egil Olafsson. Sehr gerne erzählt der heute über 90jährige von der ertragreichen Zeit als Fischer in den Westfjorden. Mit kleinen Booten, die man mit Manneskraft an den Strand ziehen konnte, ging man auf Fang. Noch heute kann man ab und zu Steinformationen sehen, die dazu dienten, die Kraft der Männer zu testen. Nur wer alle Steine anheben konnte, durfte mit auf See. Olafsson hat in Hjnótur ein kleines Volkskundesmuseum aufgebaut. Draußen vor der Tür steht ein orginalgetreuer Nachbau eines Wikingerbootes. Drinnen zeugen Fotos und zahlreiche Utensilien von den bewegten Zeiten, als sie auch noch Wale jagen durften. Heute stehen die Harpunen im Museum.

Viele Fischerdörfer von einst sind seit langem unbewohnt, die verfallenen Häuser dienen den Schafen als Unterschlupf. Der letzte Bewohner der Halbinsel Hornstrandir verließ Mitte der fünfziger Jahre seinen Hof. Viele versuchten ihr Glück in der weit entfernten Hauptstadt Reykjavík.

Bis heute gibt es in Hornstrandir keine Straßen oder gar Elektrizität. Viele zieht es gerade deshalb in das Naturreservat zum Wandern. Einziges Verkehrsmittel ist das Schiff. Zweimal pro Woche fährt es im Sommer die Küste ab. Ansonsten herrscht Ruhe. Einsame Strände, an denen man die Melodie des Meeres hören kann.

Die Westfjorde sind ein Paradies für Vogelfreunde. Die Klippen von Látrabjarg, ein 12 Kilometer langer , bis zu 400 Meter hoher Küstenstreifen, der am Leuchtturm von Bjargtangar beginnt, beherbergt Millionen Seevögel, die in den Felsvorsprüngen brüten. Fast zum Streicheln nahe sitzen die Papageientaucher auf den Kanten der Klippen. Für manche Vogelarten ist Látrabjarg die weltweit größte Kolonie.

Die Westfjorde gehören zu den ältesten Regionen Islands. Auf rund 17 Millionen Jahre schätzt man die Felsformationen. Aktive Vulkane, wie in den übrigen Regionen Islands findet man in den Westfjorden nicht. Doch daß es unter der Erde brodelt, merkt man an den zahlreichen Freibädern, die durch heiße Quellen gespeist werden. Angenehme 20 Grad Wassertemperatur lassen die arktische Kühle trotz Sonnenschein von 13 Grad vergessen. Beim Schwimmen im Pool am Fjord schauen wir auf die imposante Bergwelt, auf die vom Regen und Schmelzwasser geschliffenen Berge. In den tiefen Einschnitten finden sich auch im Juni immer noch Schneefelder.

Willkommene Abwechslung in dieser Einsamkeit sind Höfe mit kleinen Läden. Wie ein kleines Fischerdorf an der Mittelmeerküste liegt der Ort Skálanes oberhalb des Breiðafjörðurs. Der kleine Kaufmannsladen, vor dem eine veraltete Tanksäule aus den fünfziger Jahren steht, wird extra für uns aufgeschlossen. Es riecht nach Fisch. In einer Kiste liegt der getrocknete Fisch, daneben ein Holzklotz und ein Hammer zum Breitschlagen des Fisches. Trockenfisch ist zäh und hart und wird erst durch die Schläge einigermaßen kaubar. Wir kaufen gut ein, denn der nächste Laden ist weit weg. Auf den nächsten 100 km windet sich die einspurige Straße über zahlreiche Pässe. Eine Tour durch durch Islands wilden Westen erfordert nicht nur Zeit, sondern auch den Willen in die Landschaft eintzuauchen und die Ruhe spüren zu wollen.

Der Tag endet, wie er begonnen hat: mit Sonnenschein. Seit zwei Wochen hat es schon nicht mehr geregnet. Die gefürchteten Islandtiefs blieben bis jetzt aus. Die Kühle der Nacht bringt Entspannung für die sonnenverbrannte Haut. Die Sonnenschutzcreme wird zum wichtigsten Utensil auf dieser Reise, denn zu dieser Jahreszeit, knapp unterhalb des Polarkreises, scheint die Sonne fast 24 Stunden. Zum Glück, denn so lange es hell ist -glauben wir - sind wir vor den Trollen und Elfen sicher.