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Grizzlys in Alaska

Ich bin bis über beide Ohren bewaffnet: Ein Pfefferspray, zwei Glocken, eine Trillerpfeife, eine laute Drucklufthupe und einen Plastikcontainer fürs Essen. Mein Ziel: Überleben im Reich der Bären.

Ganze Bücher füllen Horrorgeschichten über Bären. Ich habe sie fast alle gelesen. Und danach mich Nächte lang gegruselt. Autor Stephen Herreros beispielsweise, der mit der Angst vor Bären Millionen verdient hat, rät - wenn auch ein wenig ironisch - immer einen Begleiter mitzunehmen, am besten einen mit Holzbein, dem man davon laufen kann.  Als ich das erste Mal am überlegen war, für ein viertel Jahr mit Fahrrad nach Alaska zu fahren und von den vielen Bärengeschichten hörte, dachte ich, das sei wenigstens zum Teil ein guter Marketingeinfall. Schließlich gehört zu Alaska einfach dieses Kribbeln, dass hinterm jeden Busch ein Bär lauern könnte. Doch vor Ort stellte sich dann heraus, dass auch nach Monaten und zahlreichen Begegnungen mit Bären, die Angst bleibt. 

Ich habe ihr Verhalten studiert, mir eingeprägt, wie Bärenspuren in der Wildnis aussehen, ihre Losungen zu unterscheiden, ihre Trampelpfade und die Bäume zu erkennen, an denen sie sich gerne reiben. Ich habe mir die Unterschiede zwischen einem schwarzen und braunen Bären beigebracht, und musste dann in der Natur feststellen, dass man in den wenigen Sekunden, die man zum Reagieren hat, sowieso nicht sicher bestimmen kann. Einziges sicheres Kennzeichen ist nicht die Farbe, sondern der Buckel auf dem Rücken eines Grizzlys. Doch den sieht man nicht aus jeder Perspektiven. Und den Bär einfach zu bitten, sich doch bitte mal umzudrehen, bevor er mit dem Angriff startet, daran habe ich nur gedacht, um mir durch Witze zwischendurch wieder Mut zuzusprechen.

Grizzlys klettern nicht auf Bäumen, Schwarzbären schon. Allerdings zeigte sich in der Natur, dass nur wenige ausreichend hohe Bäume ohne Leiter zu erklimmen sind. Alaskaner haben übrigens erheblich mehr Respekt vor Elchen, besonders vor Kühen mit Kälbern als vor Bären. Doch das tröstet einem, wenn man einsam im Zelt liegt auch nicht. Kommt jedoch jemand durch eine Bärenattacke um, und liegt auch noch irgendwo ein halb aufgefressener Mensch herum, dann stürzen sich natürlich die Medien darauf. Zudem verführt die Gestalt des größten Landraubtier wohl auch so manchen Augenzeuge und Reporter ein wenig zu übertreiben. Die Nachrichten von Zwischenfällen sprechen sich jedenfalls in Alaska und Kanada in Windeseile herum.

Die Statistik dagegen spricht eine deutliche, eine andere Sprache. Das Department of Fish & Game von Alaska weist deshalb auch ganz cool daraufhin, dass in den ersten 85 Jahren seit der Besiedlung Alaskas nur 20 Menschen durch Bärenattacken getötet wurden. In den Jahren 1975 bis 1985 jedoch haben 19 Menschen ihr Leben durch einen Hundebiss verloren. Über 50.000 Schwarzbären streifen durch Wälder Alaskas, die Population der Braunbären (Grizzlys) wird auf 45 000 Exemplare geschätzt, in Kanada auf 60000.

Alaskaner haben Respekt vor den Bären. Die Wildnis ist allgegenwärtig. Selbst in den Vororten Anchorages werden immer wieder Bären gesichtet, und es kommt auch zu tödlichen Zwischenfällen. Eine Joggerin wurde ein verscharrter Elch-Kadaver zum Verhängnis. Bären hauen sich zwar gerne die Wampe voll, um über den Winter zu kommen, lassen sich aber beim Fressen auch Zeit, so dass sie über Tage immer wieder zu einem Kadaver zurückkommen.

Was nun von meinen Waffen am besten gewirkt hat, weiß ich nicht. Manch einer schwört auf Nicht-Waschen. Parfümierte Seife sollte man ja sowieso nicht benutzen. Immer dann, wenn ich von entgegenkommenden Autofahrern vor einem "großen" Bär gewarnt wurde, habe ich angefangen zu rufen. Dabei war es egal, was man dem Bär da zu ruft, Hauptsache, der hört, dass dort ein Mensch kommt. 

Im Grunde geht ein Bär einem Menschen aus dem Weg. Es sei denn, er hat sich an ihn gewöhnt und verbindet mit ihm Fressen. Besonders auf einigen Campingplätzen kann es zu gefährlichen Situationen kommen. Manche werden deshalb immer wieder für Zelter gesperrt, bis der Bär nicht mehr vorbeikommt oder erschossen wird .

Man sollte sie nicht erschrecken. Natürlich habe ich nie im Zelt gekocht. Meist bereits ein paar Kilometer, bevor ich das Zelt aufgestellt habe, die letzte Mahlzeit für diesen Tag zu mir genommen. Ich habe nie in der Wildnis frischen Fisch oder andere stark riechende Speisen verarbeitet. Die Bekleidung, die ich beim Essen anhatte, verschwand ebenso, wie sämtliche Kosmetika, das Essen und auch die Sonnenmilch in den Satteltaschen, die dann mit zwei Seilen zwischen zwei Bäumen in mindestens vier Meter Höhe aufgehängt wurden. Das Aussuchen der passenden Bäume, das Aufhängen und das Verstauen der Essenscontainer weit weg vom Zelt dauerte meist länger als der Zeltaufbau.

Trotzdem war einige Male ein Bär am Zelt. Meistens habe ich ihn nicht gehört, sondern morgens nur die Spuren gesehen. Manchmal aber auch sein Knacken und Grubbeln wahrgenommen und bin vor Schreck im Schlafsack zur Eissäule erstarrt. Sind sie sehr nah, kann man sie unter Umständen riechen. Meist sind sie aber sehr leise und geben nur wenig Geräusche von sich. Wenn es allerdings irgendwo im Umkreis im Unterholz knackt, ist es schwierig, die Gefahr einzuordnen, wenn alles dunkel ist.

Jede Nacht jedenfalls war davon geprägt, heil zu überstehen. Jeder Morgen, oder besser zunächst jeder Morgendämmerung ein Geschenk Gottes. Wieder sehen zu können, stärkt einem mächtig. Im Herbst wird´s da schon kritischer, wenn die Nächte lang sind und die Bären darauf bedacht sind, ihren Winterspeck anzufressen. Als am Yukon ein Bär ums Zelt schlich, lag ich im Schlafsack und versuchte den Atem anzuhalten. Keine Bewegung habe ich von mir gegeben, das Bärenspray in die Hand genommen und abgewartet. 

Auch wenn die Neugierde groß war, das Zelt zu öffnen und ihm mit der Taschenlampe anzuleuchten, habe ich mich einfach ruhig verhalten und abgewartet. Ich dachte, er besucht mich und nicht ich ihn. So weiß er, dass ich hier bin. Nicht ich störe ihn, sondern er mich. Trotzdem Sekunden wurden Stunden, und es war auch nicht beruhigend, dass die nächste Hilfe ein paar hundert Meter entfernt im fast bärensicheren, aber auch ziemlich schallisolierten Wohnmobil schlief.

Interessanterweise traf ich immer nur dort auf Bären, wo schon zuvor Menschen gecampt hatten: Auf Campingplätzen oder Stellen, die sich besonders gut zum Campen eigneten. Tief im Wald kam es nie zu Begegnungen. Besonders die Campingplätze sind nicht ungefährlich. Die Amerikaner lieben ihr Barbecue. So wird abends gegrillt, was der Wald hergibt. Die Gerüche verteilen sich meilenweit. Man sagt: Wenn ein Blatt fällt, sieht es das Wild, die Eule hört es und der Bär riecht es. Einen Menschen kann Meister Petz aus etwa 1,5 Kilometern wittern. Und da ein Bär einen Elchkadaver noch aus 16 Kilometern riecht, weht natürlich auch der Steak- oder Fischgeruch zu ihm hinüber, wenn der Wind richtig steht.

Vor der Abreise dachte ich, es käme eine gewisse Routine nach all der Zeit. Jede Nacht war wieder aufregend und wenn man wieder von ein paar Camper hörte, deren Zelt vom Bären aufgeschlitzt und die zur Straße flüchten konnte, denkt man einfach, dass man schlicht und einfach Glück hatte.

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