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Radtour auf dem Dalton-Highway

Entlang der Alaska-Pipeline zum nördlichsten auf einer Straße erreichbaren Ort Nordamerikas

Schon das Ziel klingt makaber: Deadhorse. Das "tote Pferd ist ein Ort am Eismeer, Ganz im Norden von Alaska gelegen. In der Region, wo es mehr Caribous und Eisbären als Menschen oder gar Bäume gibt. Eigentlich ist Deadhorse nicht mehr als ein Containerdorf in der Buch von Prudhoe Bay, wo die Ölarbeiter von der Schicht einkehren. 

 Als man vor 31 Jahren riesige Ölvorkommen dort entdeckte, entschloss man sich eine 1280 km lange Pipeline quer durch Alaska zu bauen, um das schwarze Gold in den eisfreien Hafen von Valdez zu pumpen. Nötig war dazu eine Versorgungsstraße, die "Haulroad", deren Bau im Jahr 1974 begann und ein halbes Jahr später bereits beendet war. Bis 1994 war nur ein Teil dieser Piste für die Öffentlichkeit offen. Seit Sommer 1995 kann man den Dalton-Highway in ganzer Länge befahren. Die Straße ist ebenso ein Abenteuer wie die Wildnis drumherum. Der durchweg nicht asphaltierte Weg ist exakt 666,3 km. Doch der Startpunkt liegt schon mitten in der Wildnis, sodass man noch einmal rund 136 km von Fairbanks aus hinzurechnen muss. Das heißt: rund 800 km ohne eine Stadt, ein größeres Dorf oder einen Supermarkt.

Zum Glück liegt auf halber Strecke ein altes Goldsucherkaff mit dem lustigen Namen Coldfoot. Heute befindet sich dort eine Tankstelle, ein 24 Stunden geöffnetes Restaurant und ein Motel. Für die Trucker ist es der Stopp auf dem Trip von oder nach Deadhorse. Wo soll man auch sonst rasten? Coldfoot besitzt auch den nördlichsten Saloon Amerikas. Und so ein Abend in der noch ganz aus der Goldgräberzeit stammenden Kneipe kann richtig lustig werden.

Bis dahin müssen zunächst die ersten 281 km auf dem Dalton-Highway überstanden werden. Für 14 Tage habe ich Proviant auf dem Rad verstaut. Geruchssicher in einen Container gepackt, der schon ohne Inhalt zwei Pfund wiegt. Noch soll es kein Bär geschafft haben, die Plastikdose zu knacken, sagte mir zur Beruhigung Wochen zuvor ein Ranger im Denali-Nationalpark.

Das Land rechts und links der Straße gehört eindeutig dem größten Landraubtier. Dass wir kleinen Menschen nur Gäste sind, höre ich oft von Einheimischen. Ich erinnere mich an die Worte meines Nachbarn im Flugzeug bei der Anreise nach Alaska. Der dicke Ami bestellte ständig Eiswürfel bei der Stewardess, um dann den Whiskey aus der Thermoskanne zu holen: "Auf das ganze Land, was du da unter siehst", sagte Scott, als wir das Alaska-Gebirge überflogen, "hat noch nie ein Mensch einen Fuß gesetzt".Der Bär aber offensichtlich schon. Fußabdrücke auf und am Rande der Piste zum Eismeer legen Zeugnis ab, wer hier im Wald das Sagen hat.

Am dritten Abend werde ich zum Barbecue im ausgetrockneten Flussbett von einer Dänisch-Alaskanischen Gruppe eingeladen. Ich genieße den Luxus von gegrilltem Fleisch fernab der nächsten Siedlung. Natürlich riecht unseren Festtagschmaus auch der lokale Bär meilenweit, sodass sich niemand zum Pinkeln in den Busch ohne den dicken silbernen Revolver wagt. So viel (vermutliche) Sicherheit habe ich nicht an Bord. Eine Pfeife, ein Pfefferspray, ein paar Glocken am Fahrrad müssen reichen. Eine Druckluft-Hupe, die ansonsten die Fahrradkuriere in New York benutzen, und mit 130 Dezibel einen Höllenlärm verursacht, soll zur Not den Bär warnen, erschrecken, ja hoffentlich auch vertreiben. Doch bisher habe ich sie nie gebraucht, höchstens um die entgegenkommenden Trucker zu grüßen.

Für sie ist ein Radfahrer auf der Piste natürlich Tagesgespräch. Wenn man so lange auf einer Straße verbringt, die manch ein Trucker drei bis vier Mal in der Woche fährt, entsteht schon so etwas wie eine Beziehung. Manchmal bekommt man auch eine Cola oder ein paar Kekse gereicht. Die Trucker, denen es verboten ist, Anhalter mitzunehmen, sind immer darüber informiert, wo ich mich befinde. Über Funk geben sie die Informationen an die Kollegen weiter. Es beruhigend, dass man weiß: Man ist nicht alleine. Jedenfalls denkt man das, wenn wieder einmal ein Autofahrer einem den Tipp gegeben hat, drei Meilen voraus soll ein großer Grizzly neben der Straße grasen.

Als ich eines Abends in einem Kiesgelände zelte, auf dem vor 20 Jahren eines der vielen Camps für den Pipelinebau stand, werde ich von Lucie, die dort einen Imbissstand für die Trucker aufgebaut hat, gewarnt, nicht zu sehr am Waldrand das Zelt aufzustellen. Ein Schwarzbär käme immer aus dieser Richtung aus dem Gebüsch, ziehe seine Runde bis zum Campingwagen und verschwinde wieder. Nach "Gute Nacht", denke ich und verstaue das Essen weit weg in der nächsten Birke.

Nächsten Morgen sehe ich die Fußspuren eines Bären mit der "Schuhgröße" von vielleicht 41 unweit meines Zeltes. Völlig verpennt denke ich noch, welcher Idiot ist denn hier nachts barfuß durch den Matsch gelatscht, schließlich sieht so eine Bärentatze im Lehm dem Fußabdruck eines Menschen sehr ähnlich. Es war ein kleines Exemplar. Wäre ein Grizzly mit 450 Kilogramm Lebendgewicht vorbei gekommen, hätte es wohl auf dem Kiesplatz gebebt.

Und wer glaubt im Stile eines Jan Ullrichs einfach dem Bär davon spurten zu können, sollte bedenken, dass dieser Koloss trotz des Gewichts in wenigen Sekunden auf über 50 km/h beschleunigen und diese Geschwindigkeit für kurze Zeit auch halten kann. Wegradeln wird deshalb höchstens bergab gelingen, jedoch nicht auf der Schotterpiste des Dalton-Highways.

Nach fünf Tagen erreiche ich den Polarkreis. Ein Schild weist auf die Besonderheit hin, schließlich ist der Dalton-Highway die einzige Landstraße in den Vereinigten Staaten, auf der man so weit nördlich gelangt. In der Nähe liegt ein primitiver Campingplatz, ohne Wasser, aber mit Plumpsklos. In der Nacht fängt es an zu regnen. Auch der kommende Tag bleibt feucht. Ein Zelttag ist fällig. Ich treffe Carl Cox, einen Filmproduzenten aus Kalifornien. Auch er wartet mit seiner Frau in seinem Wohnwagen auf besseres Wetter. Im Hintergrund läuft das Funkgerät. Er hält ständig Kontakt zu den Truckern. "Sie mussten die Ketten aufziehen, weil sie sonst nicht mehr die Berge hochkamen", sagt er, mit Sorgenfalten im Gesicht. Er ist sich nicht sicher, ob er mit dem Hänger hinterm Jeep die Piste meistern kann.

Am nächsten Tag beschließe ich trotz Regen aufzubrechen. 48 Stunden Non-Stopp-Regen haben ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Durch den Permafrostboden kann das Wasser nur schwer abfließen, für die Piste hatte man damals eine Folie unter der Schotterschicht verlegt. Die Piste ist nicht mehr wieder zu erkennen. 30 Zentimeter tiefe Rinnen, an Radeln ist hier nicht zu denken. Schiebend geht es auf dem glitschigen Boden voran. Zum Glück, denke ich, können mich jetzt wenigstens nicht mehr die Trucks mit einer Hunderte Meter langen Staubfahne einnebeln.

Zehn Tage Minimum hatte ich eingeplant. Die Planung scheint durcheinander zu geraten. Manch einer braucht gar nicht mehr zu planen. Kopfüber liegen im Abstand von wenigen Kilometern gleich zwei Pkw im Graben, die Sachen weit zerstreut. Der Bär war wohl schon da. Ich freue mich dagegen auf mein Proviant-Paket, welches ich nach Coldfoot geschickt hatte. Es soll mir die weitere Tour ein wenig versüßen.

In Coldfoot erkundige ich mich beim Tankwart nach dem Befinden der verunglückten Insassen. Sie seien okay, wurden aber ins Krankenhaus von Fairbanks geflogen. Das Abschleppen der Wracks wird teuer. Fünf US-Dollar pro Meile berechnet die dort ansässige Firma. Coldfoot ist nicht viel mehr als ein Truckstop, ein riesiger Parkplatz mit noch größeren Pfützen. Nördlich des ehemaligen Goldgräberörtchen liegen noch knapp 400 km Straße durch unberührte Natur. Nach 90 km weist ein Schild auf den nördlichsten Baum der Piste hin. "Do not cut down" steht noch liebevoll auf einem Zusatzschild. Jetzt beginnt die Tundra und damit das bevorzugte Gebiet der Grizzlys im Sommer. Es geht hinauf auf 1463 m und über die Brooks Range bis Deadhorse immer abwärts. 

Die North Slope ist eine feuchte, moorige und völlig flache Landschaft. Im Sommer taut es hier nur kurz an, denn auch mit den langen Sonnentagen, erreicht das Thermometer nur selten die zehn Grad Celsius. Viel gibt es dort nicht zu sehen. Alle etwa 100 km eine Pumpstation, damit das schwarze Gold (rund 1,8 Millionen Barrel pro Tag) in etwa sechs Tagen auch in Valdez ankommt.

Die Ankunft in Deadhorse ist wenig spektakulär. Die Siedlung in Prudhoe Bay wirkt auch bei schönem Wetter deprimierend. Es gibt einen kleinen Kaufmannsladen mit ein paar Souvenirs (unter anderem ein T-Shirt mit einem Bild von einem toten Pferd), einen Post-Schalter und viele technische Betriebe.

Die Freizeit der Arbeiter spielt sich in ihren Unterkünften ab. Es wird deshalb der bestmögliche Komfort geboten. Fitnessräume, Billardtische und auch eine ausgezeichnete Küche, die unentgeltlich und 24 Stunden geöffnet ist. Ich bezahle 100 Dollar für die Nacht im 2-Bett-Blechcontainer und darf dafür auch so viel essen wie ich will. Seit zehn Stunden sitze ich nun schon mit einem japanischen Radfahrer am Tisch. Übermorgen geht unserer Flug nach Fairbanks zurück, bis dahin kann man noch viel in sich hineinstopfen. Auf einen Sekt oder einen Wein zum feierlichen Abschluss müssen wir allerdings verzichten. In ganz Deadhorse gilt striktes Alkoholverbot. Bevor ich dann mit den ganzen Arbeitern, die vier Wochen lang jeden Tag zwölf Stunden gearbeitet haben abfliege, kaufe ich noch einen Aufkleber als Souvenir: "I survived the Dalton Highway".

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