Am Anfang stand der Fahrradreifen

Die ersten Luftreifen fertigte Continental für Fahrräder. Sie verhalfen auch der Autoindustrie zum Durchbruch: Erst die genialen "Pneumatics" ermöglichten ein sanftes und schnelles Gleiten auf vier Rädern.

Blaue Flecken, Erschöpfung, Kopfschmerzen: Wer Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Kutsche unterwegs war, durfte nicht zimperlich sein. Auf unnachgiebigen Holz- oder Metallrädern wurde man mächtig durchgeschüttelt. Die Fahrzeuge ließen sich zudem schwer lenken und gingen wegen der Rüttelei oft kaputt, den Kutschpferden schnitt das Zuggeschirr ins Fleisch. Den malträtierten Reisenden und Tieren helfen wollte der Schotte Robert William Thomson.

Der 22-jährige Eisenbahn-Ingenieur entwarf einen hohlen Ring aus luft- und wasserdichtem Kautschuk, der - aufgeblasen mit Luft - ein Luftkissen bildete zwischen Boden und Rad. Während der Außenmantel ursprünglich aus Leder sein sollte, sah Thomson für innen bereits mehrere Lagen gummiertes Leinen vor. Dieses Material sollte mit Hilfe der wenige Jahre zuvor von Charles Goodyear in den USA erfundenen Vulkanisation hergestellt werden. Seine zukunftsweisende Idee ließ Thomson sich 1845 patentieren, doch es gab noch keinen großen Markt dafür.

Thomsons Erfindung verschwand in der Mottenkiste, bis es gut 40 Jahre später zur großen Mobilmachung kam: 1879 wurde das Pedalfahrrad, wie wir es kennen, erfunden; 1886 erprobten Carl Benz und Gottlieb Daimler ihr Automobil auf Vollgummireifen. Als erste deutsche Firma fertigte Continental 1892 Fahrrad-Luftreifen. Deren Vorteile konnten die radelnden Zeitgenossen schnell überzeugen: Das Bremsen wurde leichter, die Lenkung präziser, das Radfahren wesentlich bequemer.

Schon bald liefen die neuen "Pneumatics" ihren Vorgängern aus Holz, Metall oder zuletzt Vollgummi den Rang ab. Nur ein Problem blieb ungelöst: Weil die Pneus noch kein Profil besaßen, landeten Rad und Fahrer leicht im Graben. Doch bereits 1894 berichtete das Fachblatt "Der Radmarkt" von einem "Anti-Slipping"-Pneu - erfunden von Continental. Seine glatte Lauffläche nebst flachen Längsstreifen würden das "Ausgleiten unbedingt verhindern. Infolgedessen könne größte Schnelligkeit erzielt werden".

"Sowohl der Luftreifen als auch die Profilierung wurden zunächst fürs Fahrrad entwickelt und erst ein paar Jahre später aufs Auto übertragen", sagt Constantin Batsch, der die Business Unit Zweiradreifen von Continental am Standort Korbach leitet. Erst 1898 begann Continental in Hannover mit der Produktion von profillosen Auto-Luftreifen, 1904 entwickelte der Konzern als erste Firma der Welt Profilreifen für Automobile. "Die Rutschgefahr hielt sich beim Auto mit seiner anfänglichen Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 15 km/h noch stark in Grenzen", erklärt Batsch. Das Radfahren dagegen entwickelte sich bereits zum Volkssport: "Viele Rennen wurden ausgetragen - und praktisch immer auf Conti-Reifen gewonnen."

Die Ingenieure zermarterten sich weiter die Köpfe und entdeckten, dass die schlauchförmigen, luftgefüllten Reifen durch Gewebeeinlagen viel mehr Stabilität erhielten. 1921 brachte Continental als erste deutsche Firma den Cord-Reifen auf den Markt, mit einem Unterbau aus Baumwollfäden. In den 70er Jahren ersetzte das leichtere, zugfestere und witterungsbeständige Nylon dann das Cord-Gewebe. Verschiedene Reifengrößen gab es von Beginn an, doch in die Breite ging erst mal nur Conti, mit einem patentierten "Ballonreifen". Heute gibt es dafür einen eigenen Markt: Mountainbikes.

"Der große Trend bei Fahrradreifen ist die starke Segmentierung", sagt Batsch. Neben Mountainbikes unterscheiden die Korbacher die Bereiche Alltag ("Citytrekking") und Rennrad ("Race") - mit jeweils ganz verschiedenen Anforderungen. "Es gibt Rennreifen für 300 Euro das Stück, mit einer Karkasse komplett aus schusssicherem Material", so Business Unit-Leiter Batsch. Die Schläuche werden von Hand eingenäht, sie bilden mit dem Mantel eine Einheit. Jedes Jahr rollen rund 100.000 Reifen von Korbach aus zu Renneinsätzen in aller Welt - Tendenz steigend. Continental ist weltweit Marktführer im Rennradbereich und die Nummer zwei im Premium-Segment.

"2010 haben wir 82 Millionen Euro umgesetzt", sagt Constantin Batsch. Im Verhältnis zum Konzernumsatz ist das wenig. "Aber wir sind sehr wichtig für das Endkundengeschäft: Menschen beginnen schon früh mit dem Fahrradfahren, bilden Ihre Vorlieben für bestimmte Produkte durch positive Erfahrungen aus und können schließlich schrittweise an eine Marke gebunden werden."

Und ob Allrounder, Geländegänger oder Rennprofi - eines haben die Top-Modelle aller drei Kategorien gemein: Die Würze verleiht ihnen "Black Chili", eine in 2008 eingeführte und ständig fortentwickelte Gummimischung, die Rollwiderstand, Grip und Laufleistung der Reifen noch einmal deutlich verbessert. Black Chili ist die jeweils beste Mischung, die nur in Produkten aus Korbacher Fertigung eingesetzt wird. Scharfe Erfindungen wie diese sorgen dafür, dass es auch in Zukunft Fahrradreifen Made in Germany geben wird: Mit seinem Werk in Korbach ist Continental der einzige Hersteller, der noch in Deutschland produziert.