VeloBerlin vs. Berliner Fahrradschau: wer liegt vorn?

VeloBerlinBerliner Fahrradschau

Gleich zwei Fahrradmessen buhlen innerhalb weniger Woche in Berlin um die Gunst der Fahrradfreunde: Die Berliner Fahrradschau Anfang März und die Velo Berlin Ende März. Vorweg, wenn es um die Atmosphäre gehen würde und um die Ehrlichkeit der Mitbesucher, hat die Berliner Fahrradschau eindeutig die Nase vorn, denn nach 10 Jahren Unberührtheit ist heute vor der Velo Berlin mein Sigma-Tacho geklaut worden (Hehlerwert unter 5 Euro).

Laut Stefan Reisinger, Projektleiter der Eurobike in Friedrichshafen, soll die Velo Berlin zur führenden Publikumsmesse in Deutschland werden. Nach einem Rundgang am heutigen Sonnabend, ist es bis dahin aber noch ein sehr sehr weiter Weg. Es gab doch einige Lücken, und die sieben Hallen waren nicht alle gut besucht. Aber jene sieben Hallen unter dem Messegelände sind die minimale Möglichkeit, wenn man einen Messerundgang ermöglichen möchte. So seien die Lücken verziehen. Und vielleicht wird es ja am Sonntag bei passenden Wetter (heute war es einfach zu schön) so voll, dass man froh ist, ausweichen zu können.

Ulrike Saade von der VeloKonzept Saade GmbH, die für die Messe Friedrichshafen die Organisationsverantwortung hat, sagte während der Pressekonferenz am Mittwoch, dass bereits vergangenes Jahr Besucher rumgemault haben, dass die Velo Berlin ja gar nicht so groß wie die ITB sei. Na ja, der Berliner ist ja bekannt fürs Rummaulen und immer ein bißchen größenwahnsinng. Doch vorbeischauen sollte er trotzdem, denn es lohnt sich, die Händler bieten Messerabatte (Stadler 10 %, Radhaus 20% einlösbar in allen Filialen) und etliche Hersteller sind mit eigenen Ständen präsent (und wer sich beispielsweise über Groupon die Tickets besorgt hatte kam auch für einen Minipreis auf die Messe).

Nun ist es für eine kommende führende Publikumsfahrradmesse immer ein bißchen schwierig den Spagat hinzubekommen: Setzt man auf mehr Hersteller und weniger Händler? Doch was macht man, wenn die Hersteller (noch) nicht so richtig wollen? Dann doch den Händler aus Spandau oder Köpenick? Eine gute Idee ist die Kombination aus Radreise und Radtechnik. Ein paar spannende Radreiseanbieter stellen aus, dazu stellt sich Brandenburg als Radreisedestination vor.

Hier scheint ausbaufähiges Potenzial zu sein, insbesondere, wenn man sich vielleicht auch auf E-Bike-Regionen setzt und manch einen Aussteller anlockt, dem die ITB zu teuer ist oder im Bereich E-Bike-Touren neu auf dem Markt ist.

Während also bei der Velo Berlin nirgendwo jemand drängeln oder anstehen müsste, sah es vor ein paar Wochen bei der Berliner Fahrradschau anders aus. Dies ist eine kleine, aber sehr feine Fahrradmesse, die mehr auf Lifestyle setzt und so manch einen Rahmenbauer zur Ausstellung lockte. Dazu gab es am ersten Tag gegen Nachmittag doch deutliche Schlangen und auch das Pressezentrum hatte einen netten Loungecharakter und auch durchaus ein paar hilfreiche Infos - auch für Fahrradjournalisten - zu bieten. (im übrigen ist auch kein gutes Zeichen, na ja gerade zu peinlich, wenn man bei der Velo Berlin, schon zwei Stunden nach Eröffnung keine Hüllen mehr für den Presseausweis bekommt, man also das Pappschild nicht umhängen kann und so auch nicht als Pressemensch erkannt wird - zum Glück hatte ich noch eine Hülle mit Klammer von der VivaVelo in der Fahrradtasche...)

Wenn die Berliner Fahrradschau weiterhin auf die innovativen kleinen Firmen setzt (von denen es auch in Berlin und Brandenburg jede Menge gibt), dann braucht man den breitbrustigen Anspruch der Velo Berlin nicht zu fürchten. Allerdings viel größer darf die Berliner Fahrradschau nicht werden, dann müsste die geniale Location mitten in Kreuzberg in der Station Berlin verlassen werden (oder der Hof für die Probebahn überdacht werden). Und diese Atmosphäre kann die Velo Berlin nicht bieten, insbesondere, weil durch die neue Hallenbelegung das schöne Palais am Funkturm, wo vergangenes Jahr Rahmenbauer und innovative Firmen wie Rohloff und Schmidt Maschinenbau ausgestellt hatten, gestrichen wurde.

Die Nase vorn bei der Quantität und Qualität im Bereich Vorträge hatte dagegen wieder die Velo Berlin (bei der Berliner Fahrradschau war es so laut, dass man in der Lounge den Interviews gar nicht zuhören konnte (vielleicht mal mit den Silent-Disco-Leuten reden?). Nur schade, dass teilweise bei der Velo Berlin mit seinen zahlreichen Bühnen, so sehr wenige den Vorträgen oder Interviews (so zum Beispiel zeitweise auf der RadioBerlin-Bühne) lauschten. Die Akustik war nämlich ganz okay, was aber auch an den geringen Besucherströmen lag, die sich gut verteilten. Optimiert werden könnte auch die Möglichkeit, die Räder Probe zu fahren. Da ist nicht ganz klar, wer wo was ausleihen kann. Gut ist dagegen die Integration des Metromobile-Kongresse zu urbanen E-Mobiltätskonzepten.

Vielleicht wird es auch irgendwann ein paar Sonderhallen nur zu E-Bikes geben, damit so scheint es, kann man wohl auch 2013 vor allem Besucher anlocken, die sich schnell mal umfassend informieren möchten. Man muss wohl kein Hellseher sein, wenn man schreibt, dass auch 2013 eine Velo Berlin stattfinden wird. Nach 160 Aussteller 2011 und 200 Aussteller 2012 wird die Zahl garantiert weiter steigen. Und es wäre (nach der Berliner Fahrradschau) schon immerhin die zweite Fahrradmesse in Berlin, die mehr als zwei Ausgaben zustande gebracht hat.Versuche gab es ja jahrelang immer wieder, nur sie verliefen immer schnell im Sande.

Zum Vergleich auf der Berliner Fahrradschau waren über 150 Aussteller gekommen, mit 12.000 Besucher gab es eine Steigerung von 30 Prozent zum Vorjahr. Die deutlich bessere Webseite hat auch die Fahrradschau, auch ist man dort deutlich moderner aufgestellt und setzt auf multimediale Inhalte. Ingo Röhm von der Berliner Fahrradschau sieht seine Veranstaltung auch weniger als klassische Verkaufsmesse, sondern vielmehr als eine Mischung aus Messe und Event.

Ein Event ist leider noch keine der beiden Messe, dafür fehlt es einfach noch an Bedeutung und Größe. Wie wäre es mit einem Bike Demo Day auf dem Teufelsberg, einer Bikeparty, einer Bikeparade (ohne diesen Ökotouch mit Atomkraft Nein Danke-Aufkleber sondern mehr Lebenslust wie beim Christopher Street Day)? Und doch hat es die Velo Berlin an diesem Samstag immerhin in die Abendnachrichten von RTL Aktuell geschafft. Das spricht doch für die Messe. Oder ist heute nichts anderes passiert in der Welt? Ich habe keine Ahnung, weil ich mich so über den Tachoklau geärgert habe, dass ich noch kein Nachrichten gehört oder gesehen habe.

Update: Ca. 9500 Besucher kamen zur diesjährigen Velo Berlin (dies ist eine leichte Steigerung um rund 12 % im Vergleich zu 2011 (8450 Besucher). Das ist insofern positiv, weil das erste sonnige Frühlingswochenende den Veranstaltern sicherlich nicht so recht in den Plan passte.