Interview zum Fahrradbuch der Stiftung Warentest

Ulf Hoffmann Fahrradbuch Stiftung Warentest Foto: Ulf Hoffmann"Das Fahrradbuch" heißt ein neuer 270 Seiten starker Ratgeber der Stiftung Warentest. "Mit dem Know-How von Stiftung Warentest", so wirbt die Stiftung Warentest für das Buch. Verfasst wurde das Werk von Fahrradtest.de-Redaktionsleiter Ulf Hoffmann. Nach rund 16 Jahren bringt damit die Stiftung Warentest wieder ein Fahrradbuch heraus. Wie es zu dem Buch kam und was die Leser erwartet, darüber sprach Anja Jönsson mit Ulf Hoffmann:

Jönsson: Es ist ja keine sonderlich geniale Idee, einen Radratgeber zu schreiben. Gibt es nicht schon genug von der Sorte auf dem Büchermarkt?

Hoffmann: In der Tat buhlen so manche Titel um die Leserschaft, doch bei unseren Recherchen bei der Stiftung Warentest, als es darum ging, den Markt sondieren, stellten wir fest, dass sich der Markt zwar immer mehr spezialisiert, doch eine umfassende Übersicht, die zudem kritisch kompetent den derzeitigen Stand der Technik und des Marktes beleuchtet, gibt es nicht.

Jönsson: Worin unterscheidet sich "Das Fahrradbuch" der Stiftung Warentest von anderen Fahrradbüchern?

Autor Ulf Hoffmann Fahrradbuch Fotos: Ulf HoffmannHoffmann: Ohne einem Autor zu nahe treten zu wollen, aber erst einmal hat wirklich der Autor selbst geschrieben. Bei anderen Werken hört man desöfteren, dass nur der Name eines kompetenten Fahrradexperten verwandt wird, um vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit ab zu bekommen. Zum anderen sind wir hier bei Fahrradtest.de und als Autoren der Stiftung Warentest unabhängig. Wir bekommen keine PR-Gelder und stehen auch nicht der Fahrradindustrie nahe. In Radratgeber wird leider nicht immer zwischen Journalismus und PR getrennt. 

Jönsson: An wen richtet sich das Fahrradbuch, an den blutjungen Laien, an den Rentner, der wieder mal aufs Rad, zum Beispiel auch auf ein Pedelec steigen möchte, oder auch an Freaks und eingefleischte Technikbegeisterte?

Hoffmann: Ich war selber überrrascht, als die Stiftung Warentest an mich herangetreten ist, wie umfangreich und tief die Recherche gewünscht war. Die Themen werden also nicht nur mal kurz angerissen, sondern auch intensiv behandelt. Ein Beispiel: Nicht jeder Leser wird auf die Idee kommen, sich ein Rad aus dem Baukastenprinzip zusammen bauen zu lassen. Doch, um da einen guten Überblick zum Thema "Custom made bikes" zu bekommen, muss man natürlich wissen, was der Markt anbietet, also beispielsweise welche Schaltungen es auf dem Markt gibt, nicht nur bei der Kette, sondern auch insbesondere im Nabenbereich. Auch, ob es sich eventuell lohnt auf den Zahnriemenantrieb zu setzen. Das ist nur ein Beispiel, soll aber zeigen, dass wir nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tief in die Materie eingestiegen sind und auch Empfehlungen aussprechen.

Jönsson: Aber wohlmöglich ist der typische Stiftung Warentest-Leser vermutlich eher ein bißchen älter und weiß nicht so sehr etwas mit einer Rohloff-Nabe und LED-Technik anzufangen.

Hoffmann: Nicht unbedingt, hast Du Dir mal das Fahrradspecial auf Test.de angeschaut? Da geht es auch sehr detailliert zur Sache. Aber das Ziel bei der Stiftung Warentest war es, den potentiellen Käufern eine Fibel in die Hand zu geben, die beim nächsten Fahrradkauf einfach hilft das richtige, will sagen, passende Rad zu finden. Schön wäre es doch, wenn der Leser im Geschäft sagt: Aber die Stiftung Warentest spricht in ihrem Fahrradbuch eine andere Empfehlung aus. z.B. kaufe kein Neurad mehr ohne Nabendynamo...

Jönsson: Und wie finde ich das richtige Rad?

Hoffmann: Ausprobieren. Probe fahren, und wenn der Händler nach der dritten Probefahrt eine merkwürdige Schnute zieht, zum nächsten Händler gehen. Wir haben auch ein Kapitel im Buch, welches sich nur mit den Tricks der Fahrradbranche beschäftigt. Und mit "Fahrradbranche" meine ich Industrie, Handel und auch die vielen Fahrradzeitschriften, die
nämlich oft unter einer Decke stecken. Die PR-Soße in diesem Bereich ist manchmal noch schlimmer als bei den Autojournalisten. Erst jüngst hat der deutsche Mountainbikemeister den Vorwurf erhoben, ein Kettenöl-Test der Zeitschrift "Mountainbike" sei fragwürdig. So geben wir Tipps, wie man Tests in Fahrradzeitschriften beurteilen kann. Wie Testurteile der Stiftung Warentest falsch eingesetzt, oder gar gefälscht werden, dass man sich nicht durch Gutscheinaktionen und Streichpreisen verleiten lassen sollte. Wir erklären auch, welche Siegel wirklich was taugen, wer sie vergibt, wer es kontrolliert. Der Mediamarktspruch "Lass Dich nicht verarschen" gilt auch im Fahrradhandel.

Jönsson: Was ist mit dem Boomthema Pedelecs und E-Bikes?

Hoffmann: Das war am Anfang durchaus in der Diskussion, behandeln wir die Elektrofahrräder wie andere Fahrradtypen also im Kapitel, in dem wir die einzelnen Typen vom Citybike bis zum Liege- und Lastenrad vorstellen, oder gibt es ein eigenes Kapitel. Ich war für ein eigenständiges Kapitel und war froh, dass die Stiftung auf meine Linie
eingeschwenkt ist, denn derzeit gibt es wohl kein Thema in der Fahrradbranche, dass soviel Beratungsbedarf aufweist wie das Thema Pedelecs und E-Bikes.

Jönsson: Als junge Mutter brauche ich demnächst einen neuen Kinderradanhänger und zudem ein Kinderrad, steht auch darüber etwas im Buch.

Hoffmann: Klar, nicht wenig, das Thema Kindertransport nimmt großen Raum ein, wir erklären, wo am Rad man am besten seine Kinder transportiert, zeigen anhand von Grafiken, was einen sicheren Kinderradanhänger auszeichnet. Aber Stichwort Anhänger. Nur so als Beispiel. Wir geben auch eine Marktübersicht über die vielfälitgen Möglichkeiten schwere Lasten auf dem Rad zu transportieren. Natürlich wird auch der Bob Yak
erwähnt, aber eben nicht nur, sondern soweit es der Platz erlaubte, wird ein Überblick über die vielfältige Auswahl im Handel gegeben. Und das umfasst den Anhänger für den Hundetransport wie auch das Dreirad für schwere Menschen wie Reiner Calmund.

Jönsson: Für wen ist das Buch denn nicht geeignet?

Hoffmann: Ich vermeide den Werbesprechquatsch von "Alles was ein Radler braucht" oder "Alles über Räder". Natürlich, wer die Fachzeitschriften liest, sich auf Fahrradmessen rumtreibt, seit Jahren mit seinem Fahrrad eine Ehe eingegangen ist, der wird in dem Buch nicht allzu viel Neues erfahren. Für die Freaks, aber wie gesagt, gibt es ja genug Stoff am Markt.