Mit dem Velotaxi durch Berlins City

In Indien gehören sie zum Alltag, als Transportmittel oder Kleintaxi: die Rikschas. Auch in Berlin waren sie in den vergangenen Jahren bisweilen zu sehen. Touristen, die sich über den Ku’damm kutschieren lassen wollten, konnten sie mieten. Die Dreiräder kamen meist aus Asien, dementsprechend alt und überholt war ihre Technik.

Ludger Matuszewski wollte es besser machen. In Südamerika sah er Sammeltaxis, die auf einer bestimmten Route fuhren. Er brachte nicht die motorisierten Taxis, aber die Idee mit nach Berlin. Im Herbst 1995 stand das Konzept, nicht nur nach Bedarf Touris als radelnder Fremdenführer zu begleiten. Er wollte ein ganz neues Velotaxi entwickeln, das - wie in Südamerika - auf festgelegten Routen durch die Berliner Innenstadt fahren soll. Hochmodern und superbequem sollte es sein. Und bei Regen müsse der Fahrgast trocken ankommen.

Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, mit der Verkehrsverwaltung gesprochen. Denn was auf den Dschungelpisten südlich des Äquators rollen darf, ist hier noch lange nicht zugelassen. - So hieß es erst einmal: „Viel Spaß bei der Fahrt durch den Paragraphendschungel“.

Zunächst mußte der Paragraph 21 der Straßenverkehrsordnung umradelt werden. Danach sind Fahrräder nur zum Transport von Menschen bis zum siebenten Lebensjahr erlaubt. Matuszewski wollte aber kein Fuhrunternehmen für Kindergärten gründen, sondern auch ältere Fahrgäste befördern. Er brauchte eine Ausnahmegenehmigung.

Nur war man sich auch in der Berliner Verkehrsverwaltung nicht so sicher, ob Rikschas überhaupt zu den Fahrräder zu rechnen sind. Im Herbst ´96 kam die positive Entscheidung: Der Jungunternehmer sein erstes selbstkonstruiertes Dreirad vor, um Politiker und Sponsoren zu überzeugen.

Die Technik war vom feinsten: Magura-Scheibenbremse, hydraulische Federung und Fünf-Gang-Nabenschaltung. Allerdings wog das Gefährt über 80 Kilo (ohne Fahrer), so daß die herkömmlichen Speichenräder auch ohne Fahrgast der Belastung auf Dauer nicht standhielten.

Technik vom Motorrad mußte her. So wurden stabile Stahlfelgen vom Mofa mit superdicken Motorradspeichen gepaart, Trommelbremsen von einer 80er-Honda und Koni-Stoßdämpfer eingebaut.

Die Pentasportgangschaltung von Sachs blieb, auch der Ledersattel von Brooks. Die Vorderradfederung verschwand wieder. Eine selbstkonstruierte Telegabel soll reichen.

Platz finden im Velotaxi zwei Fahrgäste auf einer vor Wind und Wetter gut geschützten Sitzbank. Vorsichtige Kunden, die der Fahrweise des Pedalisten nicht trauen, können sich auch anschnallen, müssen es aber nicht. Es ist ja ein Fahrrad.

Getragen wird das Gefährt von einem in Berlin produzierten Stahlrahmen. Der Aufbau - mittlerweile aus glasfaserverstärktem Kunststoff - stammt aus dem Schiffsbau und wird in Niederlehme bei Königs Wusterhausen hergestellt. Zusammengebaut werden die Einzelteile in Prenzlauer Berg. Derzeit kostet das Dreirad etwa 10000 Mark.

Irgendwann sollen Räder und Idee dieses in Europa einzigartigen Projektes auch in andere Städte verkauft werden.

Bis jetzt werden die Kosten allerdings hauptsächlich durch Werbung am Rad getragen. Zwei Sponsoren, die Firmen Esprit und Philips, die jeweils eine Route exklusiv bestücken, hat Matuszewski von der Idee bereits überzeugen können. Die knallblauen Gore-Tex-Anzüge der Fahrer sind ebenfalls gesponsert.

30 Velotaxis hat der Werkstattchef und Mit-Konstrukteur Jens Grabner bereits zusammengebaut. Auch die Ausnahmegenehmigung vom Senat und ein Dekra-Gutachten zur Verkehrssicherheit liegen vor. So steht dem offiziellen Start am 12. April nichts mehr im Wege.

Zu Anfang werden drei Routen angeboten: Wittenbergplatz - Adenauerplatz, Zoo - Brandenburger Tor und von dort zum Alex. Die Gesamtstrecke einer Linie kostet pro Person fünf Mark, die Kurzstrecke bis zu einem Kilometer zwei Mark. Es soll zwar keinen richtigen Fahrplan geben, doch werden die Taxis auf alle Fälle zwischen 11 und 17 Uhr rollen (am Ku’damm von 12 bis 18 Uhr). An den Endpunkten wird es Infosäulen geben. Aus- und Einsteigen kann man überall. Auch Sonderwünsche werden angenommen, wer in eine Querstraße gebracht werden will - kein Problem, sagt der Fahrer Tobias Wittkopf.

Wittkopf fährt das 70-Kilo schwere Dreirad als selbstständiger Kleinunternehmer. Er arbeitet auf eigene Rechnung und mietet sein Arbeitsgerät für fünf Mark pro Tag von der Velotaxi GmbH, die sich dafür um die Wartung kümmert.

Die Fahrer werden noch in den nächsten Tagen kräftig üben müssen, denn das Fahren sieht einfacher aus, als es ist. Zwar kann man nicht umkippen, doch hat man besonders am Anfang ständig das Gefühl, die Kurve nicht mehr zu bekommen. Geradeausfahren gelingt nicht auf Anhieb und nicht jede angepeilte Lücke ist auch breit genug. Auch der Blick nach hinten ist durch den breiten Aufbau stark eingeschränkt. Zwei große Außenspiegel könnten Abhilfe schaffen. Irgendwann soll es auch einen Blinker geben, denn der ausgestreckte Arm beim Abbiegen wird leicht übersehen. Ludger Matuszewski und Jens Grabner haben schon angekündigt, ihr Gefährt ständig weiterentwickeln zu wollen. Als nächstes sollen die Räder speichenlos werden und gegen Vollscheibenräder ausgewechselt werden.