Fahrradkongress Vivavelo - vielleicht der Anfang für eine erfolgreiche Fahrrad-Lobbyarbeit

Vivavelo"Vivavelo" heißt ein Fahrradkongress, der erstmals am 22. und 23. Februar in Berlin stattfindet. Berlin als Austragungsort wurde bewusst gewählt, um näher an den politischen Entscheidungsträgern zu sein. Rund 250 Teilnehmer werden zu dem Kongress erwartet. Angemeldet haben sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und verschiedenen Medien. Man möchte mal miteinander reden (und diskutieren). Das Ziel des unter anderem vom Verbund der Selbstverwalteten Fahrradbetriebe VSF e.V. veranstalteten Kongresses ist klar: Ran an die Politik! Doch nur einmal im Jahr in Berlin aufzutauchen, reicht nicht: Fahrradtest.de fordert deshalb: Fahrradlobbyisten kommt in die Bundeshauptstadt!

Man mag von Lobbyarbeit halten, was man möchte, bei den Hoteliers war sie sehr erfolgreich. Egal, ob mit oder ohne Millionenspende, es hat geklappt und auch innerhalb der Fahrradbranche gab und gibt es immer wieder Forderungen nach einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz.  Doch selbst unter Rot-Grün konnte sie nicht durchgesetzt werden. Lag es vielleicht an der mangelnden Präsenz in Berlin?  An zu wenig Lobbyisten, die sich fürs Fahrrad einsetzen?  

Ein Blick auf die Landkarte zeigt das Problem: Fahrradlobbyisten "verstecken" sich gerne in der Provinz: der VSF sitzt in Aurich (40000 Einwohner), der ZIV, der Zweirad-Industrie-Verband, in Bad Söden im Taunus (21000 Einwohner), der ADFC in Bremen (wobei dieser sich in den vergangenen Jahren immer wieder gerne mit dem Landesverband Berlin über das Ausrichten von Pressekonferenzen in Berlin gekeilt hat). Auch die derzeit in allen Medienmündern durchgekauten Elektrofahrräder, haben ihren Hauptansprechpartner mit ExtraEnergy in Tanna in Thüringen (2000 Einwohner). Der Verband des Deutschen Zweiradhandels e.V. (VDZ), Mitveranstalter des Kongresses sitzt in Bielefeld, und auch ein weiterer Mitinitiator, der Bundesinnungsverband Deutsches Zweiradmechaniker-Handwerk (BIV) agiert nicht von Berlin sondern von Bonn aus. Selbst die Lobbyvereinigung "Pressedienst Fahrrad" sitzt weit weg von Berlin in Göttingen. Wie wichtig es ist, in Berlin permanent präsent zu sein, hat auch der WWF erkannt und zieht 2011 von Frankfurt/M nach Berlin.

Immerhin: Eröffnet wird der Branchenkongress vom Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bauen und Stadtentwicklung, Jan Mücke. Bei der Auftaktveranstaltung spricht außerdem Kurt Bodewig, ehemaliger Bundesverkehrsminister und aktuell Präsident der Deutschen Verkehrswacht. "Wir freuen uns, dass mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Jan Mücke in hochrangiger Vertreter der Bundesregierung zu Vivavelo kommt. Das zeigt, dass der Radverkehr und die Fahrradbranche auch im Bundesverkehrsministerium einen hohen Stellenwert hat“, frohlockt Vivavelo-Initiator Albert Herresthal vom VSF. Herresthal und sein Verband engagieren sich sehr stark für den Kongress. Laut Herresthal genieße das Fahrrad zwar große Sympathien in der Gesellschaft, aber die Branche habe politisch kein Gewicht und werde auch nicht wirklich wahrgenommen.

Der Fahrradkongress wird in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin-Tiergarten stattfinden. Die Poltiker haben es dorthin nicht weit. Der Reichstag ist keinen Kilometer Luftlinie entfernt. Allerdings lässt die Resonanz aus Poltik noch zu wünschen übrig. Das Grußwort zum Kongressheft hat zwar der ehemalige Bundesumweltminister und Ex-Generaldirektor der UN Klaus Töpfer geschrieben. Aktuelle politische Prominenz wird man beim Kongress eher weniger antreffen.  Bestes Beispiel: Zum Podiumsgespräch am ersten Abend (kurz bevor die Party mit der "Riese und Müller"-Band startet), hat sich aus der Politik Anton Hofreiter von Bündnis 90/Grüne angekündigt. Hofreiter ist Bundestagsmitglied und sitzt im Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und ist bisher der Masse an Radfahrern (aber auch anderen politisch Interessierten) eher unbekannt geblieben.  Das Programm des Fachkongresses bietet trotzdem einiges: vier Plenumsvorträge, zwölf Workshops, zwei Podiumsdiskussionen, eine Radtour, eine Party und die Verleihung des VSF-Ethikpreises an zwei Unternehmen der Fahrradbranche. Achso für alle Radfahrer die gerne mitdiskutieren möchten: Vivavelo ist keine Publikumsveranstaltung.

Die Branchenvertreter können auch erhobenen Hauptes nach Berlin reisen. Denn die aktuellen Zahlen sehen gar nicht so schlecht aus: Der Trend zum Kauf hochwertiger Räder setze sich fort, sagte der Geschäftsführer des VSF Albert Herresthal auf einer Vorabpressekonferenz in Berlin. Insgesamt seien im vergangenen Jahr rund 4,3 Millionen Räder in Deutschland verkauft worden. Der  Durchschnittspreis liege bei mehr als 500 Euro pro Fahrrad, Tendenz steigend. Was auch - aber nicht nur - an den rasanten Zuwachsraten bei Elektrofahrrädern liegt. Der VSF schätzt, dass 2009 rund 140.000 Stück davon in Deutschland verkauft wurden (die exakten Zahlen liegen erst im März vor). Trotzdem würde dies eine Verdopplung innerhalb von zwei Jahren bedeuten.

Allerdings bedeutet dies auch, das lediglich etwa 4,3 Prozent der verkauften Fahrräder einen Elektromotor hatten. Es ist also wirklich noch eine richtig kleine Nische, die in keinem Verhältnis zum Medienhype steht. Trotzdem wird die Fahrradbranche zu einem immer wichtigeren Wirtschaftszweig. Vor allem erweist sich das Zweiradgeschäft als recht krisensicher. Nach einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums lag das Umsatzvolumen 2009 bei rund 5 Milliarden Euro. Rechnet man den Radtourismus hinzu (was in der Tat schwierig zu verifizieren ist), kommt man laut Herresthal auf 13,4 Milliarden Euro. In der deutschen Fahrradindustrie inklusive Zulieferer waren zuletzt knapp 4000 Mitarbeiter beschäftigt, im Einzelhandel gut 22 000, berichtet Herresthal.

Mehr Infos zum Kongress im Netz unter www.vivavelo.org

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