Zu zweit auf einem Rad

Tandems nannte man ursprünglich Fuhrwerke, bei denen zwei Pferde hintereinander gespannt waren. Der Begriff wurde dann recht schnell aufs Fahrrad übertragen: Zwei strampeln in eine Richtung. Tandem zu fahren ist nicht viel schwieriger als ein normales Rad zu beherrschen. Wenn man es kann. Denn aufgrund des längeren Radstands läßt es sich ein wenig schwieriger lenken. Doch man lernt es sehr schnell.

Daß Tandems trotzdem bisher immer ein Nischenprodukt waren und wohl auch bleiben, liegt nicht zuletzt am höheren Preis zu herkömmlichen Fahrrädern. Auch einfache Ausführungen fangen erst bei 1000 Euro an. Zudem schränkt die Überlänge die Mobilität ein, wenn man sein Rad im Auto, in der Bahn oder mit dem Flugzeug transportieren möchte.Aber mittlerweile gibt es auch Modelle, die sich falten lassen (Dazu später mehr).

Tandems sind klassische Pärchenräder. Keine Entfernung behindert das Gespräch. Die Frage: „Was hast du gesagt“, gehört damit der Vergangenheit an. Es ist eine Lebensgemeinschaft auf Zeit. Der Stoker („Heizer“) sitzt hinten und ist dem Captain völlig ausgeliefert. Der Blick nach vorne ist (mit wenigen Ausnahmen) versperrt, Schlaglöcher oder abrupte Richtungswechsel treffen den Heizer meist völlig unerwartet. Wenn jedoch die Kommandos stimmen, dann ist die zeitliche Schicksalsgemeinschaft „Tandem“ eine ideale Möglichkeit, um die natürlich bedingten Kraftunterschiede zwischen Mann und Frau auszugleichen. Dann wird auch die zunächst undankbare zweite Position zum Platz an der Sonne. Man muß nur noch treten, kann sich umschauen, essen oder Karten studieren. Lenken tut der Vordermann, der hoffentlich auch auf die Straße schaut. Abgestimmte Tandemianer sind nur nicht auf der flachen Strecke schneller als die Singles, sondern schlagen sie auch am Berg. Tandemfahrer sind Tourenradler. Sie entscheiden sich bewußt fürs Radeln. Zusammen erklimmt man den Berg, läßt zusammen die Schweißperlen rollen, hält auch gemeinsam an. Genießt im Team die Landschaft.

Das Tandem ist auch ein ideales Fortbewegungsmittel, um mit Blinden zu radeln. Fast wie Sehende nehmen sie die Natur wahr, und viel wichtiger: Sie sind mobil, gleichberechtigte Partner und halten sich fit.

Doch auch für Familien ist das Tandem eine echte Alternative zum Kinderanhänger. Sind die Knirpse nämlich erst einmal aus dem Kindersitzalter heraus, heißt es normalerweise: Rauf aufs eigene Fahrrad oder in den Anhänger. Beides hat Nachteile, wenn man am Wochenende ins Grüne fahren möchte. Nur als selbstständige Radler sind sie nicht nur dem Verkehr hilflos ausgeliefert, sondern auch der Geschwindigkeit der Erwachsenen nicht gewachsen. Sitzen sie dagegen in den Anhänger, fühlen sie sich nicht ausgelastet, langweilen sich während der Fahrt und sind am Ende des Tages fit wie ein Turnschuh, während die Eltern dann nur noch sitzen wollen. Durch einen Kinderkurbelsatz (circa 350 Euro) können auch die kurzen Kinderbeine mittreten. Auch läßt sich die Sitz- und Lenkerposition individuell einstellen. So können die Kinder wachsen, doch nicht dem Rad entwachsen und fühlen sich nicht als Anhängsel.

Es gibt aber auch spezielle Familientandems, wie, bei dem der Erwachsene hinten sitzt und lenkt und so den Kleinen immer im Blick hat.

Tandems müssen über sehr gute Bremsen verfügen, soll der Bremsweg nicht zum Höllentrip werden. Bei einigen Modellen werden sogar drei Bremsen montiert. Standard waren lange Zeit V-Brakes, heute sind entweder hydraulische Felgenbremsen oder besser Scheibenbremsen die erste Wahl. Allerdings kann durch das hohe Gewicht nicht immer verhindert werden, dass die Felge oder die Bremsscheibe heiß laufen und die Bremswirkung extrem nachlässt. - Wie Scheibenbremsen sind auch Federgabel fast Standard. Allerdings sind herkömmliche Gabeln nicht für die enorme Belastung ausgerichtet.

Sehr wichtig ist ein hochbelastbarer Rahmen, da dieser nicht nur die Kraft von zwei Herzen, sondern auch deren Gewicht aushalten muß. Die Länge des Gefährts verlangt nach einer hohen Stabilität. Bewährt haben sich Parallelogrammkonstruktionen, die durch ein Diagonalrohr verstärkt werden.

Auch beim Antrieb gibt es einiges zu beachten. Damit der Stoker nicht immer treten muss, wenn der Captain pedaliert bieten einige Hersteller seit kurzem auch einen Freilauf für den Stoker an. Die Schaltung ist beim Tandem natürlich auch besonderen Belastungen ausgesetzt.  Aus diesem Grund sind auch nicht alle Nabenschaltungen für den Tandembetrieb freigegeben. Kettenschaltungen sind noch weit verbreitet. Möglich ist auch ein Allradantrieb. Zoxbikes bietet diesen beispielsweise für Tandemliegerad an.

Sehr praktisch beim Tandem ist die Möglichkeit, es falten zu können. So kann es im oder auf dem Auto transportiert werden. Allerdings treibt dieser Luxus den Preis weiter in die Höhe. Bewährt hat sich in diesem Zusammenhang die S&S-Kupplung. Die Firma Santana besitzt beim Einbau der Kupplungen große Erfahrung.

Im Foto links siehst Du die S&S-Kupplung in einem Santana-Tandem verbaut. Die Kupplung wird mit einem speziellen Schlüssel verschlossen. Außer ein bißchen Fett und regelmäßiger Kontrolle auf Festigkeit, bedarf die Kupplung keinerlei Wartung. Ich habe die Kupplung in mein Reiserad einbauen lassen und bisher keine Probleme. Bei einem Tandem allerdings sollte man beim Zusammenbau zu zweit sein (wie oben auf dem Bild zu sehen). Das Treffen der Steckverbindungen gelingt dann einfach besser. 

Ebenfalls interessant ist das temporäre Tandem.  Voss-Spezialrad bietet ein Modulsystem an, mit dem man aus einem Mountainbike durch einen Bausatz einen Zweisitzer machen kann. Cyclemorph heißt das Modul, kommt aus den USA und kostet rund 500 Euro.

 

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