74000 Kilometer mit einem Rad: Ein Leben lang beste Freunde

Mein Bike Radfahrer sind kommunikative Leute. Sie unterhalten sich gerne, egal mit wem. Auf der Landstraße am liebsten mit ihrem Velo. In manchen Ländern – wie Alaska oder Kanada – wird sogar dazu geraten, unterwegs auf dem Rad laut zu reden oder zu singen. Dies soll Begegnungen mit Bären verhindern. Und mit wem soll man sich unterhalten, wenn man alleine unterwegs ist?

So ist das schon eine merkwürdige Beziehung zwischen Mensch und Rad. Während einer Tour auftretende Brüche schweißen die Freundschaft kräftig zusammen. Pflege dankt einem der drahtige Freund mit ewigem Zuhören und einem leichten Surren. Wenn also nicht der Fahrer frühzeitig unter die Räder kommt, stellt sich die Frage: Wann schicke ich meinen treuen Freund in Rente? Wenn die Reparaturen überhand nehmen, oder – ganz dreist – ein neues Exemplar einfach um die Ecke biegt? Der Gewissenskonflikt ist groß, schließlich hat man viele Stunden miteinander verbracht, zusammen gefroren und geschwitzt, kurzum die Welt zusammen kennen gelernt. Ob man sich mit dem "Neuen" auch so gut versteht?

Wie lange ein Fahrrad hält, ist schwer zu sagen. Manche kommen ja noch nicht einmal vom Hof des Supermarktes herunter. Gute Qualität leistet jahrelang anständige Arbeit, wie ein Langzeittest jetzt zeigte. 1993 erstand ich ein Winora Mountainbike, um damit gleich für drei Monate durch Island zu radeln.

Das Rad kostete damals knapp 2000 Mark (rund 1000 Euro). Ein Schnäppchen, denn es war ein 92er-Modell und so bereits im Frühjahr des kommenden Jahres ein Ladenhüter. Schließlich fuhr die Jugend damals auf Oversized-Rahmen ab, ein schmaler Rahmen galt als uncool.

Das MTB hat sechs Jahre lang gehalten und insgesamt 73816 km zurückgelegt.  Es war dann aber doch langsam in die Jahre gekommen, so dass die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. Nicht, weil das Bike auseinander fällt, sondern, weil es zu teuer wäre, alles wieder neu aufzubauen.

Was mußte es nicht alles in seiner Karriere aushalten: Die Bärenangriffe in Alaska, eiskalte Gletscherflüsse in Island und auch die Stürme in der Pampa von Südamerika. 5500 km sind wir zusammen durch Alaska geradelt, 4500 Kilometer über die Anden geradelt. Bis nach Feuerland begleitete es mich auf der Abschiedsreise. In Island dagegen hat es fast jede Schotterstraße spüren dürfen. 9000 Kilometer sind wir in drei Sommern geradelt, über 100 Flüsse hat es schiebend, schwimmend oder tragend überlebt. Viele Male ist es im Wind umgefallen. Wie Jahresringe sieht man am Rahmen die Spuren der jährlich neu montieren Fahrradstützen, die immer als erstes dabei einknickten. Bisher haben sie deshalb nie eine Tour überstanden. In Chile brach zum ersten Mal ein Gepäckträger. Es war der zweite Low-Rider am Rad. Das Alustück hatte bereits drei Jahre lang Schwingungen aushalten müssen. Wohl zuviel, es wollte nicht mehr über die Waschbrettpisten dieser Welt tanzen, wurde einfach müde, ständig belastet zu werden.

Überraschend viel ist trotz der extremen Belastung noch vom Originalrad übrig geblieben. Die Cantileverbremsen verzögern am Vorderrad immer noch und hinten arbeitet ein Fossil von U-Brake. Der Umwerfer hat auch gehalten. Das Schaltwerk wurde vor der letzten Tour sicherheitshalber ausgetauscht.

in PatagonienEs hat sich gezeigt, daß man an guter Qualität seine Freude haben kann. Besonders wenn man beim Herzstück des Rades, den Rahmen, auf gute Verarbeitung achtet. Beispielsweise auf einen gemufften Chrom-Molybdän legierten Stahlrahmen setzt, der aus Tangerohren zusammengeschweißt wurde.

Ohne Brüche haben Rahmen und Gabel die Strapazen überstanden. Wenn auch die Gabel jetzt um fünf Zentimeter näher am Rahmen ist: Ein (Hänge)Brückengeländer in Südamerika war zum Glück stärker als der Gabelholm (sonst könnte ich diese Zeilen nicht mehr schreiben). Bis zu 150 Kilogramm mußte der arme Packesel auf jeder Tour schleppen. Nie gab es einen Achsbruch. Ganze zehn Speichen sind in der Zeit gebrochen. Doppeldickendspeichen brechen eben nicht so schnell.

Die Platten habe ich nicht gezählt, die abgefahrenen Mäntel auch nicht. Die Sätze an neuen Laufrädern schon: vier. Stets wurden XT-Naben von Shimano eingebaut, nur einmal ist mit mir der Grammfuchser durchgeritten. Die XTR-Naben, leichter und teurer als die XT-Ausführung, mochten wohl das sandige Gletscherwasser in Island und quietschten vor Vergnügen. Sie sangen nur einen Sommer.

Seit rund 11000 Kilometer fahre ich bereits ohne eine Acht im Rad. Die Felgen "Big Mammoth Fat" kann man offensichtlich nicht aus der Ruhe bringen. Das Wunderstück, dass das Radhaus in Berlin ausgesucht hat, stammt aus den USA und wird von der Firma Sunrims hergestellt. Ein wirklicher Geheimtip für Reiseradler, denen Zuverlässigkeit wichtiger als Aussehen ist. Zweimal wurde das Tretlager ausgewechselt. Vorsichtshalber, bei Industrielager weiß man ja nie, wie lange sie einwandfrei flutschen.

Der dritte Lenker ist mittlerweile auch verbogen. Zu stark habe ich bei Steigungen an der falschen Stelle gezogen. Für besondere Belastungen ist ein Multifunktionslenker, wie beispielsweise der der Firma Yuma, offensichtlich nicht konzipiert. Ein normales Steuerungsgerät mit Lenkerendhörnchen ist doch besser, wenn es auch weniger Greifpunkte bietet.

Der zweite Vorbau hält noch. Acht Ketten und Kränze sind jedoch verbraucht worden. Getreten wird immer noch mit den ersten Kurbeln (Rennradgarnitur RX 100 von Shimano), auch die Pedale aus der 92er-XT-Gruppe drehen sich noch. Sie knarrten zwar bereits nach 100 km, haben aber bis heute gehalten.

Drei Schalthebelgarnituren sind verschlissen worden. Einmal mußte ich in der Wüste von Island dieses komplexe Gebilde von Daumenschalter reparieren. Einen ganzen Tag es gedauert, das Spiel der drei Federn, die ineinandergreifen, zu verstehen. Seitdem ich weiß, wie kompliziert solch ein eigentlich einfaches Gerät aufgebaut ist, überlasse ich die Montage wieder geübten japanischen Finger und schlepp lieber einen einfach Schalthebel mit mir herum (einmal habe ich ihn bisher auch gebraucht).

Die Kosten von 2000 Mark (1000 Euro) am Anfang und rund 3600 Mark (reine Materialkosten), rund 1800 Euro), die nachträglich über die Jahre investiert wurden, haben sich gelohnt. Es hat sich gezeigt, daß Zuverlässigkeit nicht zum Null-Tarif zu bekommen ist und sich die Investition einer (relativ teuren) XT-Gruppe von Shimano rentiert, da manche Teile immerhin seit über 73000 km funktionieren. Und besonders ein sorgfältig geschweißter Rahmen erspart einem unterwegs je Menge Ärger.

Und vielleicht mag es manchen in diesem Zusammenhang auch interessieren,: Dies ist kein Werbeartikel für die Firma Winora-Staiger. Ich habe auch beim Kauf keinen Rabatt bekommen und auch sonst nicht von irgendwelchen Vorzügen seitens des Herstellers profitiert (es hat sich noch nicht mal jemand bei mir gemeldet). Ich bin nicht wie andere Radfahrer gesponsert worden, die Markenaufkleber habe ich auch recht schnell entfernt. Umsonst für irgendjemand Werbung zu fahren, ist nicht mein Ding....Unabhängigkeit ist mir wichtiger. Das Winora-Rad habe ich ganz normal bei einem Fahrradhändler gekauft.

2009: Und wo steht es nun? Es darf rasten, auf der Terrasse im Grünen, zwischen Bambussträuchern. Es hat es sich zum Lebensausklang gewünscht, denn fürs Winora war die schönste Tour durch die riesigen Bambuswälder von Patagonien.