Ein Mountainbike - viele Brüder und Schwestern

Ein Mountainbike verfügt über 26-Zoll-Laufräder mit grobstolliger Bereifung, ist üblicherweise mit einer Federgabel ausgestattet oder gar vollgefedert und von robuster Machart. Usus sind Dreifachkurbeln für einen großen Übersetzungsbereich; verzögert wird mit V-Brakes, hydraulischen Felgenbremsen oder Scheibenbremsen. Licht, Schutzbleche und Gepäckträger fehlen, können jedoch nicht selten nachgerüstet werden. Soweit also das Ur-Mountainbike, doch ganz so einfach ist die Sache leider nicht: „In den vergangenen 15 Jahren hat sich eine Vielzahl von Unterkategorien gebildet, die auf den Einsatz bei ganz bestimmten sportlichen Disziplinen abgestimmt sind“, beschreibt Dirk Belling, MTB-Experte und Marketingchef beim Komponentenhersteller Sram den Stand der Dinge. Hier eine kleine Systematik:


 1. Touren-MTB
Die Basiskategorie der Gattung. Dies sind einfache bis mittelpreisige, meist nur vorne gefederte Modelle („Hardtail“), die im Fachhandel ab circa 500 Euro angeboten werden. Beim Tourenbike ist die Sitzposition eher aufrecht, die Rahmengeometrie auf guten Geradeauslauf und leichte Beherrschbarkeit ausgelegt. Der Federweg der Gabel beträgt 60 bis 100 mm. Ein solides Einsteigermodell wie das Hai Power von Haibike (499 Euro) wiegt um die 13 Kilo und verfügt bereits über eine Blockierfunktion an der Federgabel.
Vollgefederte Exemplare in dieser Kategorie sind um etwa ein Drittel teurer. Die ganz günstigen Varianten verfügen über simple Federungskonzepte, die deutliche funktionelle Nachteile aufweisen (Antriebsschwinge, bei der das Tretlager Teil des gefederten Hinterbaus ist). Gewichte von über 15 Kilo sind hier keine Seltenheit.

2. Reise-MTB

Sie aus wie ein MTB, verfügt aber über eine Vollausstattung, von Schutzblechen, Gepäckträgern für Vorder- und Hinterrad, über eine funktionierende Lichtanlage. Nicht fehlen dürfen auch zahlreiche Vorrichtungen für Trinkflaschen. Reise-MTB sind wahre Boliden und nichts für Gewichtsfetischisten. Maximale Übersetzung, stabile Gepäckträger, die auch härtere Schläge aushalten. Die Laufräder sind verstärkt, um Speichenbrüche vorzubeugen. Als Rahmen wird meist weiterhin auf Stahl gesetzt, da es sich auf Reise besser reparieren lässt als Alu. Reise-MTB verfügen maximal über eine gefederte Gabel. "Fullys" sind sehr selten (siehe Riese und Müller")

3. Cross-Country, Race, Marathon
Die Weiterführung der Touren-Kategorie für anspruchsvolle Sportler oder Rennfahrer. MTBs dieser Klasse sind durchweg besser ausgestattet, leichter und teurer. Das ist verständlich, umfasst ihr Einsatzzweck doch alles vom Gelände-Radrennen bis zur Alpenüberquerung. Rennfahrer bevorzugen die leichteren Hardtails (z. T. unter zehn Kilo), die auf hochwertigen Alu- oder Carbonrahmen mit agiler Geometrie basieren. Der Gabelfederweg beträgt 80 bis 100 mm (z. B. Felt Six Pro, 2.499 Euro).
Langstreckenfahrer dagegen schätzen den Komfort der Vollfederung („Fully“). Auch hier sind 80 bis 100 mm Federweg die Regel; durchdachte Hinterbausysteme (Haibike STAR System; Felt Equilink) unterbinden Rückkopplungen zwischen Antrieb und Federung. Fahrräder dieser Kategorie sind überwiegend mit Scheibenbremsen ausgerüstet (Beispiel: das Haibike Hai End FS SL, ca. 12 Kilo, 2.499 Euro;

4. All Mountain, Enduro
Im Übergangsbereich zwischen Cross-Country- und Downhill-Bike liegen diese zwei Kategorien. Einfach ausgedrückt ist ein „All Mountain“-Bike die geländegängigere Variante des Cross-Country-Fullies mit größerem Federweg (120-140 mm) und aufrechterer Sitzposition. Bikes dieser Kategorie verfügen häufig über eine Gabel mit verstellbarem Federweg – bergauf wird die Gabel abgesenkt (geringere Überschlagsneigung nach hinten, besseres Handling im Wiegetritt), auf der Abfahrt steht der volle Federweg zur Verfügung (Beispiel: Felt Compulsion 1).
Enduro-Fullies tragen dieses Konzept noch weiter in Richtung Freeride und Downhill. Ihr Federweg ist noch etwas größer (um 160 mm), die Sitzposition kürzer und aufrechter. Technisch anspruchsvolle Singletrails und haarsträubende Abfahrten sind das Terrain dieser Räder; schnelles Kilometermachen tritt in den Hintergrund, wobei ein Gesamtgewicht um die 14 Kilo immer noch flotte Fahrbarkeit garantiert – auch bergauf (Beispiel: MTB Cycletech Opium 7 Flash).

  5. Freeride
Artistische Fahrkünste und spektakuläre Sprünge zeichnen den Freeride-Sport aus. Das Material dazu: superstabile, meist vollgefederte Bikes mit langen Federwegen, bei denen die Fahrbarkeit bergauf in den Hintergrund tritt. Extreme Ausführungen gehen stark in Richtung Downhillbike (siehe dort); ein Modell, das auch anspruchsvolle Freeride-Touren erlaubt, ist z. B. das Hai Zone 7.3: Federweg 180 mm vorne, 185 mm hinten, Zweifach-Kurbelsatz, aufrechte Sitzposition, Vorderradnabe mit Spezialachse, Bremsscheiben mit großem Durchmesser (203mm), um die 18 Kilo (1.999 Euro)
 

6. Downhill
In dem Maße, wie die Bergab-Rennstrecken anspruchsvoller wurden, haben sich die Downhill-Bikes zu schweren Federungsmonstern entwickelt, die einzig auf maximales Abfahrtstempo hin entwickelt werden. Größtmögliche Stabilität und riesige Federwege stehen im Zentrum der Konzeption; Gewicht und Fahrbarkeit bergauf spielen keine Rolle mehr – meist wird für das Erklimmen der Höhen ein Lift genutzt. Ein beispielhafter Vertreter das Haibike Hai Zone 10: Gewicht über 19 Kilo (was in der Klasse noch relativ leicht ist), 200 mm Federweg an der flach angestellten Gabel, 250 mm am Hinterbau, Monokettenblatt, 203-mm-Scheibenbremsen, massige 2,5-Zoll-Reifen von Schwalbe (2.299 Euro)

7. Dirtbikes/Dualbikes
Eng verwandt sind diese Spielarten des Mountainbikes, dabei ist ihr Einsatzzweck recht unterschiedlich. Dirtbikes werden vorwiegend für kunstvolle Sprünge über zwei kleine Hügel verwendet, zwischen denen ein tiefer Graben klafft (weswegen man nicht einfach drüberfahren kann, sondern springen muss). Dualbikes wiederum setzt man für Wettbewerbe ein, bei denen auf einer abschüssigen, mit Sprüngen und Steilkurven versehenen Strecke (Pumptrack) entweder Mann gegen Mann (Dualslalom) oder mit vier bis acht Startern gefahren wird (Fourcross, Biker’s Cross). Typische Merkmale: kleiner, kompakter Hardtail-Rahmen, stabile Bauweise, Gabelfederweg um 100 mm, teilweise nur ein oder zwei Kettenblätter (z. B. Felt Sure Shot, 1.299 Euro)

8. 29-Zoll Mountainbike
In Europa führen die Mountainbikes mit den größeren 29-Zoll-Laufrädern noch ein Schattendasein; in den USA sind sie gerade hipp. Statt der fürs MTB eigentlich typischen 26-Zoll-Räder werden beim 29-Zöllern, größere Laufräder verwendet. Ihre Felgen sind so groß wie die eines Rennrades, aufgrund der dickeren Reifen sind die Laufräder aber größer, daher der Name 29 Zoll. Die großen Laufräder bieten hohen Laufkultur und ein gutes Steigverhalten über Steine und Wurzeln, Tests haben einen bis zu 17 Prozent geringeren Rollwiderstand ergeben. Nachteilig ist das leicht höhere Gewicht und etwas gewöhnungsbedürftige Handling in engen Kurven und extremen Gelände.