Bonanza reitet wieder

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Es war zu jener Zeit, Ende der Siebziger Jahre, als das Fahrrad unser einziges Fortbewegungsmittel war. Viele fuhren Klappräder - zwangsläufig. Sehr begeistert waren wir davon nicht. Aber die Eltern fanden es praktisch. Wir hatten uns aber längst ins Bonanzarad verguckt.

Obwohl dem präpubertären Alter noch nicht entflohen, erkannten wir bereits in schön geschwungenen Formen ein Gefühl, das uns anmachte. Die Liebe war selbstverständlich rein platonisch und galt dem Bananensessel und einem verchromten zweiteiligen Lenker, der quasi an der Radnabe anfing und irgendwo in der Nähe unserer Schultern aufhörte.

Damals war dieses kurvenreiche Stück Metall eines der Markenzeichen dieser Velos. Sie waren Kult. Und Kult ist immer das, was nicht jeder hat, nicht jeder fahren darf oder auch nicht fahren will. Kult ist, was die Lager spaltet.

Der Kult lebt, und wie es scheint, hat er überlebt, denn zwar gibt es keine Neuauflage des Bonanzarades, aber so eine Art Weiterentwicklung in Form des Jaguar Zitro der Pantherwerke.

Auch hier ein extrem langer Lenker und ein Bananensessel vom Feinsten. Natürlich weckt so ein Sesselrad Kindheitserinnerungen, natürlich wollen jene Benachteiligten von damals heute ein wenig das Gefühl von der Freiheit auf zwei Rädern wiederbeleben. Natürlich geht es auch – und nicht zu wenig – einfach um Show.

Das Zitro ist ein Spaßrad für Pedalisten der Bonanzageneration. Es ist ein Fun-Cruiser für den Asphaltcowboy am Ende des 20. Jahrhunderts. Chopperfeeling pur, jedoch unmotorisiert und umweltfreundlich. Freiheit und Abenteuer zwischen Flensburg und Friedrichshafen. So werden die Fahrradwege zur Route 66. Der Weg wird damit zwangsläufig wieder zum Ziel, denn ein rasanter Flitzer ist das Zitro nicht, obwohl es sehr schnittig und auffällig aussieht, mit seiner quietschgelben Farbe. Panther nennt es dezenter rapsgelb.

Es ist kein Liegerad, auch wenn das Zitro auf den ersten Blick vom Laien damit verwechselt werden könnte. Es ist von den Fahreigenschaften zwar nicht mit einem herkömmlichen Bike vergleichbar. Jedoch braucht man zum Radeln nicht lange üben, sondern kann einfach aufsteigen und losfahren. Einzige Voraussetzung: Gute Laune und möglichst keine Zahnpasta im Gesicht, denn unterwegs treffen einen merkwürdig viele Blicke: sie gelten im Normalfall vor allem dem Rad.

Wer jetzt nicht wenigstens ein wenig auffallen möchte und gerne präsentiert, sollte doch lieber zum verrosteten Gebrauchtrad greifen.

Leider eignet sich das Zitro bisher auch fast nur zur Präsentation, zum ziellosen Radeln. Denn (noch) gibt es so gut wie keine Möglichkeit zur Gepäckmitnahme.

Normalerweise kann man zumindest einen Rucksack umschnallen. Doch wie, wenn man sich mit dem Rücken anlehnt?

Natürlich könnte man den Rucksack auf den Bauch binden, aber dann sieht man natürlich aus wie Samson aus der Sesamstraße.

„Eine Gepäckbrücke ist in Entwicklung“, sagt Julian Pahlow vom Panther- Produktmanagement. „Wir wollten das Rad erst mal als Grundtypus anbieten“, fügt er entschuldigend hinzu. Vielleicht klappt es bis zum Herbst. Bis dahin, so unsere Empfehlung, sollte man bei Transportproblemen vielleicht zu einem Einradanhänger der Firma Bob greifen. Im Gespann sieht das Gefährt so noch cooler aus. Wird dann allerdings ziemlich unhandlich beim Wenden.

Vom Design sehr gelungen ist der Sessel. Ganz in schwarz bildet er mit der dicken Sattelstange eine Einheit. Von Designer-Stühlen kennt man ja das Problem, daß sie nicht immer auch wirklich bequem sind. Dies trifft fürs Zitro nicht zu. Es sitzt sich bequem, so lange man sitzt und nicht fährt. Der vordere Teil des Sessels zwischen den Beinen schien uns zu breit, so daß wir immer mit den Beinen am Sitz schubberten.

Die dünne, geklebte Schaumstoffauflage war bereits nach wenigen Kilometern eingedellt und eingerissen.

Außerdem fördert ein Sesselrad natürlich das Schwitzen im Rückenbereich. Eng anliegend kommt dort kein Luftzug hin.

Möglicherweise wäre dies durch ein paar Löcher zu verbessern, doch ob der Sessel dann noch diese Ästhestik besitzen würde?

Vielleicht gibt es auch irgendwann eine Vollederversion mit Löchern, wie man sie von Ledersätteln kennt. Bei Liegerädern sieht man sehr oft netzartige Sessel.

Optisch bestimmt wird das Aussehen des Zitro durch die Wahl zweier unterschiedlicher großer Laufräder. Vorne läuft ein kleines 20-Zoll-Rad mit satten 36 Speichen. Hinten sitzt man über einer 26-Zoll-Variante.

Trotz des großen Radabstandes bleibt das Rad verhältnismäßig wendig. Da man auch sehr schnell mit den Füßen den Boden erreicht, sind Stürze sehr selten. Durch das einfache Handling kann man auch schon einmal die asphaltierte Straße verlassen. Obwohl der Hersteller doch darauf hinweist, daß es sich nicht um ein Gelände- oder Downhillfahrzeug handelt.

Besonders Spaß macht das Sesselradeln natürlich aber dort, wo auch viele Menschen zuschauen. Wenn man nur mit einer Hand durch die Gegend düst und das Rad lässig und locker führt.

Der Lenker ist sowieso nur zum Lenken dar, und nicht zum Abstützen oder Ziehen. Logisch, daß damit auch Bergetappen nicht so einen großen Spaß machen, auch wenn die 3 mal 7 –Naben-Kettenschaltungskombination von Sachs dies zulassen würde.

Zum unbeschwerten Fahren steuert auch die einstellbare Hinterradschwinge mit einer Öl-Luftfeder ein sehr wichtigen Teil bei. Ohne Federung würde man natürlich jede Unebenheit im Rücken spüren.

In Arbeit ist auch eine Federgabel vorne und andere Schaltungsvarianten. Maximal darf man 90 Kilo fürs Zitro wiegen. Auch Basketballspieler müssen sich ein anderes Rad suchen. Ab einer Körpergröße von 1,95 Meter wird´s kritisch, denn die Beinlängeneinstellung erfolgt durch das Herausziehen des Sitzgestellrohres aus dem Stahlrahmen. Mit dem Abstand zu den Pedalen wächst auf diese Weise auch die Höhe zum Boden.

Natürlich kostet das Zitro mit 1999 Mark auch ein paar Mark mehr als ein normales Rad. Das ist auch gut so, denn wer Sesselrad fahren möchte, will nicht nur bequem radeln, sondern auch auffallen. Und das geht nur, wenn nicht alle mit dem Zitro fahren.