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Fahrräder für Behinderte: Jedes Rad eine Maßanfertigung

Es gibt sicherlich so einige Projekte im ABM-Bereich, über deren Nutzen man durchaus diskutieren kann. Doch das der "zweite" Arbeitsmarkt auch sinnvolles hervorbringen kann, zeigt sich in der Wuhlheide. Auf einem Industrie-Gelände an der Köpenicker Straße 325 in Berlin ist vor sieben Jahren von der gemeinnützigen Lowtec GmbH eine Produktion von Fahrrädern aufgebaut worden, die ausschließlich Dreiräder für behinderte Menschen herstellt.

"Nichts ist unmöglich" könnte Hans Litfin über die Tür seines Büros (auch in Blindenschrift) schreiben. Es riecht in den Fluren zwar immer noch stark nach DDR, nach diesem typischen Reinigungsmittel aus VEB-Produktion, doch die Räder sind auf 2000er-Niveau.

Projektleiter Litfin und seine Mitarbeiter bauen mit einfachen und wenigen finanziellen Mitteln, aber viel Liebe Räder für Kleinwüchsige, Einarmige, Einbeinige, Blinde und viele alte Menschen, die ohne ein spezielles Dreirad keine weiten Wege mehr zurücklegen könnten. Für die Behinderten beginnt deshalb mit einem speziellen Fahrrad ein neuer Lebensabschnitt. Man ist wieder mobil, nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen und kann an Aktivitäten mit Nicht-Behinderten teilnehmen. Natürlich ist ein Rad nicht nur gut für die Psyche. "Besonders geistig Behinderte leiden oft an Übergewicht und seien aber nur schwer von dem Nutzen eines Hometrainers zu überzeugen", sagt Liftin. Auf den Dreirädern trainieren sie in spielerischer Weise ihre Beweglichkeit und bleiben fit.

Die Dreiräder bestehen aus einem speziellen Stahlrahmen, der immer in Rot lackiert ist; die "Lieblingsfarbe der Behinderten", begründet Litfin die Farbauswahl. Auf das Gestell wird ein breiter Sitz mit Rücken- und, wenn gewünscht, auch Armlehne montiert, die Sitzposition lässt sich ähnlich wie beim Autositz auf einer Schiene stufenlos verstellen.

Es gibt zwei Modelle das "Balance Mini" für Menschen mit einer Körpergröße von einem Meter bis zu 1,60 Meter, sowie das "Balance" für Personen ab 1,50 Meter Körpergröße. Das Balance kann man mit dem Therapieanhänger "Balance A" ergänzen. Der Anhänger basiert auf dem normalen Dreirad, es wurde – vereinfacht ausgedrückt - das vordere Rad abgeschraubt. Jeder Hänger hat einen eigenen Antrieb, je nach Wunsch für die Füße oder auch Hände.

Technisch sind die Räder auf dem neuesten Stand. Standbeleuchtung vorne und hinten, hydraulische Felgenbremsen der Firma Magura für sämtliche drei Räder, tiefer Durchstieg, Hinterradfederung und wahlweise mit einer Drei- oder Fünf-Gang-Nabenschaltung.

Innerhalb einer Woche kann die Lowtec gGmbH liefern. Einzige Voraussetzung für den Kauf ist ein Behindertenausweis. Aus nachvollziehbaren Gründen wird aber oft auf den Nachweis verzichtet. Die Übernahme der Kosten durch eine Krankenkasse ist möglich, "allerdings sehr zeitintensiv", sagt Litfin. So muss zunächst ein Arzt das Rad als Hilfsmittel verschreiben und das Attest dann an die Krankenkasse geschickt werden. Dort wird dann geprüft und ein Kostenvoranschlag bei Lowtec eingeholt. Kommt es zu einer Kostenübernahmeerklärung wird das Rad gebaut und die Kosten direkt mit der Krankenkasse abgerechnet. Das Prozedere kann zwischen acht Wochen und zwei Jahren dauern, dies jedenfalls sind die Erfahrungen Litfins.

Wer sich nicht sicher ist, ob das Dreirad die richtige Wahl ist, kann die sich ein Exemplar auch tageweise ausleihen. Nicht-Behinderte zahlen 20 Mark pro Tag, Behinderte die Hälfte. Der Kaufpreis liegt bei etwa 2500 Mark. Listenpreise existieren nicht, zu unterschiedlich sind die Kundenwünsche. Durch die Gemeinnützigkeit der Firma sind die Räder aber konkurrenzlos günstig. Bei kommerziellen Anbietern muss mit dem doppelten und dreifachen Preis rechnen.

Die Konkurrenz sieht die Aktivitäten natürlich nicht immer wohlwollend. Allerdings kann es bald sein, dass keine Bikes in der Wuhlheide mehr gebaut werden können. Denn die Förderung läuft zum September aus. Die Anschlussfinanzierung ist nicht gesichert. Das Knowhow und die konkurrenzfähigen Räder würden damit auch gleich mit eingemottet. Gewiss war die Arbeit der vergangenen sieben Jahre nicht umsonst gewesen, doch Litfin merkt man, wie schade es wäre, wenn die Dreiräder einfach verschwinden würden.

Vielleicht sollten die 100 Kunden, die sich bei Lowtec bisher ein Rad haben bauen lassen, zu einem großen Zug zusammenschließen (aneinandergekoppelt ergebe das eine Schlange von 200 Metern) und einmal über den Kudamm radeln, um zu zeigen, wie wichtig auch den behinderten Menschen das Rad fahren ist.

Die Lowtec gGmbH erreicht man unter Tel. 030/ 65762286, www.lowtec.org



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