Typenkunde - Faltrad

Den passenden Neuwagen als Radfahrer zu finden ist schon schwierig. Wer im schicken Salon schnell einmal sein Fahrrad in den Kofferraum zur Probe legen möchte, erntet merkwürdige Blicke. Dabei ist es für viele schon entscheidend, ob das Bike auch ins Auto passt. Denn der Transport auf dem Dach oder am Heck ist bei teuren Rädern wirklich nur dann eine Alternative, wenn innen gar kein Platz ist. Draußen angebracht, leidet das Rad doch arg bei schlechtem Wetter unter Feuchtigkeit, Insektenflug oder Schmutz.

So muss man probieren, ob bei heruntergeklappter Rückbank das Rad irgendwie hinein passt. Irgendwie geht´s immer. Meist muss der Sattel ab, der Lenker gelöst und die Laufräder demontiert werden. Auf Dauer ist das nicht nur lästig (und verursacht stets schmutzige Finger), sondern führt auch zu manchem Fleck im Auto, verbogenen Schutzblechen und zu losen Kabeln am Fahrrad.

All die Sorgen ist man los, wenn man sich für ein Faltrad entscheidet. Das passt auch in den noch kleinsten Kofferraum (auch in den von Lupo oder Smart). Selbstverständlich sind diese Räder auch fürs Boot, fürs Wohnmobil oder für die Bahn bestens geeignet. Sehr schnell lassen sie sich in einer Tasche verstauen. Quasi ein Rad mit Mobilitätsgarantie.

Die modernen Falter haben nun gar nichts mehr mit den alten Klapprädern aus den sechziger Jahren zu tun. Aus diesem Grund nennt man sie in Deutschland auch Faltrad, seltener Zerlegrad, Teleskoprad oder Modulrad. Klapprad steht dagegen für eingeklemmte Finger und wenig Komfort. „Ein Inbegriff einer fatalen Illusion“, nennt Gunnar Fehlau das Klapprad in seinem Standardwerk „Das Modul-Bike“.

Heutige, moderne Falträder bekommt man - grob gesagt - in zwei verschiedenen Varianten: mit großen und kleinen Laufrädern. Auf die Großen setzen bevorzugt die Autofirmen mit ihren Faltvelos. Um die soll es aber an dieser Stelle nicht gehen, sondern um Räder mit extrem kleinem Packmaß und ziemlich kleinen Laufrädern in den Größen 16 bis 20 Zoll.

Die Auswahl in diesem Bereich ist immer noch überraschend überschaubar. Die wichtigsten Hersteller sind Bernds, Brompton, Dahon, Giant, Hercules, Kentex oder Riese und Müller. Hinzu kommen ein paar Exoten, Bastler und vor allem Taiwanesen mit wenig guten Nachbauten.#

Zu einem guten Faltbike gehört vielmehr als nur ein Scharnier, durch das der geteilte Rahmen geklappt werden kann. Die Produkte der Anbieter unterscheiden sich nicht im Faltmechanismus, sondern auch darin, wie man sie gefaltet bekommt, wie viel sie wiegen, ob man sie leicht tragen kann und - ganz wichtig - wie sie sich fahren.

Vergleicht man deshalb die einzelnen Modelle, so kann es eigentlich keinen klaren Favoriten geben. Zu unterschiedlich sind die Einsatzgebiete, zu deutlich die Qualitätsunterschiede bei jedoch großen Preisspannen. Allerdings lassen sich alle Bikes mit wenig Übung innerhalb einer Minute zusammenlegen. In Spitzenzeiten sogar in 30 Sekunden.

Vom Gewicht her bewegen sich die Räder zwischen 10 und 13 Kilogramm. Allerdings: Je besser ein Rad ausgestattet sein soll, desto schwerer wird es dann auch. Drei Topmodelle streiten seit Jahren um den ersten Platz: das „Birdy“ von Riese und Müller, das englische Brompton, welches in Deutschland von Voss vertrieben wird, und das Bernds von Thomas Bernds. Besten Fahrkomfort bietet das Birdy, denn es ist das einzige vollgefederte Faltbike. Eigenwillig ist allerdings die Optik durch die spezielle Federgabel. Das Birdy ist mehr als nur ein Stadtrad für kurze Touren (manch ein Hersteller sagt ganz ehrlich, dass man nicht mehr als zehn Kilometer am Stück fahren sollte). Mit dem Birdy dagegen kann man durchaus auch Radreisen unternehmen und auch relativ viel Gepäck verstauen. Möglich macht dies ein im Zubehörprogramm erhältlicher Gepäckträger (Lowrider) fürs Vorderrad und natürlich auch die ausgereifte Konstruktion. Gäbe es statt des schmierigen Kettenantriebs einen mit einem Zahnriemen, fiele die Entscheidung für den ersten Platz leichter. Trotz der 18-Zoll-Räder sind die Fahreigenschaften vorbildlich, wenn man natürlich die Laufeigenschaften nicht unmittelbar mit einem 26-Zoll Rad vergleichen kann. Bis zu 21 Gänge stehen zur Verfügung. Das Faltmaß beträgt 82x41x62 Zentimeter.

In diesem Punkt wird es vom Brompton geschlagen, welches sich zu einem Paket von 63x63x35 Zentimeter falten lässt. Allerdings rollt das Brompton auch mit 16 Zoll-Räder, was natürlich zu Abstrichen beim Fahrgefühl führt (wenn dies auch durch den langen Radstand zum Teil wieder ausgeglichen wird). Ein Plus ist auch hier die Hinterradfederung sowie, dass das Rad im gefalteten Zustand auf dem Gepäckträger steht. Das Brompton kostet mit einer Dreigangschaltung ab 1300 Mark (mit einer Fünf-Gang-Schaltung ab 1900 Mark). Fürs Birdy Blue muss man dagegen zwischen 2200 und 3300 Mark ausgeben.

Nicht unerwähnt bleiben darf das Bernds. Thomas Bernds´ Faltrad verfügt ebenfalls über eine Hinterradfederung und zudem bekommt man optional auch ein Modell mit einem Zahnriemenantrieb. Wie wir meinen, eigentlich der Antrieb fürs Faltrad: denn ohne schmierige Kette braucht man auch keine Hosenklammern. Das Bernds wiegt mindestens 12,2 Kilo und kostet ab 2000 Mark. Bis zu 21 Gänge sind möglich (dann allerdings ohne Zahnriemen).

Neu auf dem Markt ist das Carbike von Hercules. Auch Hercules setzt auf die Vorteile eines Zahnriemenantriebs. Auch hier ist der Hinterbau gefedert. Zudem wird das Rad komplett mit Gepäckträger und Lichtanlage (mit Standlichtfunktion) verkauft. Überraschend schlägt sich dies nicht im Preis wider (1600 Mark), jedoch trotz Alurahmen im Gewicht: 13,8 Kilogramm. Optisch ist das Carbike (nur in Silber lieferbar) eine gelungene Neuerscheinung.

Auch noch vergleichsweise neu ist das Giant Halfway. Das neben Hercules mit Giant ein weiterer großer Fahrradhersteller ins Faltbikegeschäft einsteigt, zeigt zumindest, dass auch die Großen der Branchen einen Markt sehen. Nicht ganz so optisch schön ist das Halfway, das sich allerdings leicht falten lässt. Wobei wie beim Hercules (und nicht wie beim Birdy oder Bernds, wo Hinterbau und Gabel einklappen) der Rahmen gefaltet wird. Giant setzt auf Einarmschwingen und -gabeln, das spart natürlich Gewicht (13 Kilogramm) und reduziert auch das Packmaß. Die vergleichsweise großen 20-Zoll-Laufräder unterstützen die Optik eines vollwertigen Rades. Es stehen verschiedene Versionen mit einem und bis zu 26 Gängen zur Verfügung (1300 bis 1500 Mark). Allerdings ist das ansonsten sehr leicht zu faltende Rad, wie übrigens auch das Speed von Dahon, im gefalteten Zustand nicht arretierbar. Wer dann nicht die passende Tasche dabei hat, wird beim Tragen fluchen. Auch ist der Gepäckträger nur für kleinere Dinge geeignet. Satteltaschen (wie etwa beim Birdy) sollte man nicht anbringen.

Buchttipp: Worauf man beim Kauf noch achten sollte, erklärt Gunnar Fehlau in seinem Buch „Das Modul-Bike“. (Delius Klasing Moby Dick Edition 1997, DM 29.80)