Ein Silberpfeil mit Elektroantrieb

Noch vor zwei Jahren verlor kein Fahrradhersteller und schon gar kein Händler ein gutes Wort über Autofirmen, die nebenbei auch Fahrräder verkauften. Viele dachten – teils zu Recht – auf diese Weise wollten sich einige mit dem umweltfreundlichen Image des Velos schmücken. Heute ist noch nicht in allen Autosalons alles Gold was eine Speiche hat, doch sind einige Hersteller in die kreative Phase eingetreten sind. Allen voran die deutschen Automobilhersteller Audi, BMW, Porsche und Mercedes-Benz.

Man kauft nicht mehr einfach nur ein, sondern präsentiert zum Teil völlig eigenständige Entwicklungen, die sowohl in der Fachwelt als auch in der Fahrradfachpresse als teilweise wegweisende Innovationen gelobt werden.

Eigene Forschungsaufträge an angesehene Fahrradentwickler, neue Radtypen und ein stetig wachsendes Angebot werden zunehmend zu einer ernsthaften Konkurrenz für den Fahrradeinzelhandel. Denn die Autobikes bekommt man nur in den Niederlassungen.

Eine dieser Neuentwicklungen ist das Hybrid-Bike von Mercedes-Benz. Die Stuttgarter haben die Lage gut sondiert und festgestellt, daß Elektrofahrräder einen stetig wachsenden Markt erwarten dürfen.

Doch es könnte noch rasanter vorangehen, wenn nicht bei vielen Elektrobikes ein herkömmlicher Rahmen genommen wird, in den dann mit viel Geschick irgendwo eine Batterie und ein Motor integriert werden müssen. Das Ergebnis sind oft schwere Räder, die eher durch den hohen Preis als durch besonders gute Fahreigenschaften auffallen. Als Hauptzielgruppe dachte man deshalb vor allem an Menschen, die nicht mehr so richtig in die Pedale treten können.

Mercedes-Benz verfolgt eine andere Strategie und setzt vor allem auf das jugendlich-sportliche Image. Kein herkömmlicher Rahmen, sondern eine Eigenentwicklung mit tiefem Durchstieg. Nicht hinter die Sattelstange, sondern in das Querrohr wurde der Akku integriert, der Motor sitzt im Herz des Hinterrades. So bleibt die Optik eines „normalen“ Fahrrades erhalten. Zum sportlichen Image gehört auch, daß man im Gegensatz zu vielen E-Bike-Anbietern auch auf den serienmäßigen Einkaufskorb am Vorderrad verzichtete. Nur ganz ohne Gepäckträger ist uns das Rad dann doch einen Kick zu sportlich.

Das Rad glänzt - neben seinem auffälligen silber-schwarzen Äußeren - vor allem durch seine exzellenten Fahreigenschaften. Keines der von uns bisher getesteten Elektrofahrräder ließ sich so leicht steuern. Bei der Elektroantriebstechnik setzt man bei Mercedes auf Bewährtes. Eingebaut wurde der Sanyo-Gleichstrommotor mit 300 Watt Leistung, die über einen Geschwindigkeitssensor geregelt wird: Sobald man in die Pedale tritt, nimmt einem das „Power-Assit-System“ die Hälfte des Kraftaufwands ab, egal, ob beim Anfahren oder bei einer Bergetappe. Mehr ist nicht drin. Leider. Der Gesetzgeber will es so.

Ab 20 km/h läßt der Elektroanschub deutlich nach, oberhalb von 24 km/h sind nur noch die Muskeln gefragt. Ansonsten wäre das E-Bike nicht mehr zulassungs- und versicherungsfrei.

Die 300 Watt des Motors spürt man besonders beim Anfahren. Rasant legt man die ersten Meter zurück. Nur ein leichtes Surren hört man dabei vom Motor, nicht viel mehr, als wenn ein Dynamo mitlaufen würde. Die Technik ist jederzeit ab- und wieder anschaltbar.

Über eine dreistellige Ladeanzeige ist man ständig im Bild, wieviel Energie noch zur Verfügung steht. Zum Laden muß die Batterie nicht am Rad bleiben. Der abschließbare Speicher kann auch mit einem separaten Ladegerät aufgefrischt werden. Allerdings ist die Ladezeit mit etwa 5,6 Stunden vergleichsweise lang. Eine Ladung reicht dann (je nach Fahrweise) für gut 30 Kilometer.

Obwohl das Rad aufgrund seiner hervorragenden Geometrie zum Schnellfahren einlädt, bremst einem dabei die serienmäßige Dreigangschaltung. Fahrten über 20 Km/h, die man trotz des im Vergleich zu einem normalen Fahrrades hohen Gewichts von 25,6 Kilogramm leicht erreicht, machen mit dieser Übersetzung keinen Spaß.

Eigentlich schade, denn sportliche Radfahrer, die sich zunächst durch die außergewöhnliche Optik angesprochen fühlen, werden so leider wieder abgeschreckt. Genauso wenig überzeugt hat uns der wartungsarme und schmierfreie Keilriemenantrieb. Wir registrierten ein ungewohnt weiches, fast eieriges Tretgefühl.

Ein guter Gag für den Autofahrer unter den Radlern ist der linke Drehgriff für den Rollendynamo. Mit dem vom Auto bekannten Symbol für Abblendlicht bedruckt, muß zum Anschalten des Dynamos nicht mehr angehalten werden. Ein Dreh am Lenker reicht, um das Licht einzuschalten. Norwegenradler, die ständig durch Tunnels fahren müssen, wird´s freuen. Der Alltagsradler wird es nickend zur Kenntnis nehmen.

Sehr gut fanden wir die Entscheidung, das mit den neuen schlauchlosen Reifen von Continental auszurüsten. So wird das Risikos eines Platten auf ein Minimum reduziert. Es ist deutlich zu sehen, daß es den Ingenieuren um die Entwicklung eines möglichst wartungsarmen Rades ging. Auch die montierten Hydraulikbremsen bedürfen wenig Pflege.

Viel innovative Technik, gepaart mit einem erstklassigen Äußerem und - für Designerbikes nicht selbstverständlich - sehr guten Fahreigenschaften haben natürlich ihren Preis. 3250 Mark muß man schon für den Silberpfeil zum Zutreten schon hinblättern. Für einen neuen Stern am Stuttgarter Horizont fehlt nur eines: der Stern.

Während am Citybike von Mercedes-Benz ein kleiner Stern klebt, hat man ihn beim E-Bike wohl vergessen. Völlig verunsichert fragen wir uns deshalb: „Ist ein Mercedes, auch wenn zwei Räder fehlen, ohne Stern noch ein Mercedes?