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Mit Kindern durch die Welt radeln

Mehrere Monate mit dem Expeditionsrad durch unbekannte Länder – Eine Reise dieser Art ist sicher der Traum vieler Menschen. Das große Abenteuer ist jedoch für viele Menschen spätestens nach der Geburt von Kindern meist für einige Jahre passé. Wibke Raßbach und Axel Bauer aus Schmalkalden in Thüringen allerdings waren 2007/2008 sieben Monate lang mit ihren Reiserädern in Neuseeland unterwegs und haben ihre fünf Monate alte Tochter Smilla einfach im Kindertransporter Chariot CX 1 mitgenommen. Der pressedienst-fahrrad befragte sie zu den Eigenarten einer großen Reise mit einem kleinen Kind.

Mit einem noch nicht halbjährigen Kind am anderen Ende der Welt Radreisen – was habt Ihr Euch denn dabei gedacht?

Axel Bauer: „Das Ganze hatte natürlich eine Vorgeschichte: 2005 lebten wir ein halbes Jahr in Nepal und 2006 für den gleichen Zeitraum in Norwegen. Danach stürzten wir uns in unsere Diploma und Smilla kam zur Welt. Doch unser Fernweh ließ einfach nicht nach. Also suchten wir nach einem Land, das aus unserer Sicht für eine Radreise mit Baby geeignet war – und kamen auf Neuseeland. Wibkes Schwester und ein Freund von uns waren dort bereits mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und erzählten uns ihre Abenteuergeschichten. Da hat es uns gepackt.“
Wibke Raßbach: „Fünf Monate nach Smillas Geburt habe ich es zuhause einfach nicht mehr ausgehalten: Ich wollte raus in die Welt. Natürlich mit Smilla. Die Zeit war dafür ideal: Smilla war auf der einen Seite schon ganz robust, auf der anderen Seite konnte sie sich noch nicht selber fortbewegen und wurde deshalb viel herum gefahren. Sie war am zufriedensten, wenn um sie herum etwas passierte, was sie wahrscheinlich von uns geerbt hat. Deshalb war eine Reise die beste Lösung für uns drei.“

Was hat Euer Umfeld dazu gesagt, dass Ihr eine solche Reise mit dem Kind plant? Gab es konkrete negative oder positive Ansagen?

Axel Bauer: „‚Jetzt mit Kind werdet ihr ja sesshaft werden. Da ist es mit dem Reisen vorbei.‘ Sowas bekamen wir ständig zu hören. Die Wenigsten wussten, dass wir schon mitten in den Vorbereitungen für Neuseeland waren. Unsere Hebamme machte uns Mut, mit dem Baby eine Radreise zu wagen. Ihr haben wir vertraut. Sonst waren mit wenigen Ausnahmen alle dagegen. Aber auch Smilla selbst machte uns Mut. Oft waren die Radtouren mit dem Chariot-Kinderanhänger die einzige Möglichkeit, ihre Drei-Monats-Koliken in den Griff zu bekommen. Das gleichmäßige Schaukeln löste alle Verkrampfungen. Sie genoss das Unterwegssein sehr. Bereits im zarten Alter von sieben Tagen unternahm sie mit uns die ersten Erkundungen im Radanhänger.“
[Anm.: Der Hersteller empfiehlt für den Fahrradeinsatz vom ersten Tag an den patentierten Babysitz. Die ebenfalls erhältliche Baby-Tragetasche ist nicht für den Fahrradeinsatz zugelassen. Weitere Empfehlungen sind gefederte Transportermodelle, alternativ Ballonreifen wie z. B. Schwalbe Big Apple 20“.]
 
Ihr hattet schon vor Neuseeland einen ansehnlichen Erfahrungsschatz an Reisen. Wart Ihr da auch mit dem Fahrrad unterwegs?

Axel Bauer: „Meist waren wir mit dem Fahrrad unterwegs, oft aber auch einfach nur mit dem Rucksack. Unsere erste gemeinsame Reise führte uns mit den Rädern durch die Massai-Steppe in Afrika. Die Massai waren selber oft mit dem Fahrrad unterwegs – so hatten wir die gleiche Reisegeschwindigkeit und fanden Zugang zu den Menschen. Von da an war uns klar: Wenn eine Reise interessant sein soll und wir viel von der Kultur mitbekommen wollen, müssen wir wie die Einheimischen unterwegs sein. In Nepal hieß das: zu Fuß auf den kleinen Wegen durch die Berge, in Kirgistan und Usbekistan wieder per Fahrrad und Bus.“
 
Was waren Eure Erwartungen, Ängste, Gedanken vor dieser Reise mit einem Baby?

Wibke Raßbach: „Dadurch, dass fast unser ganzes Umfeld gegen die Reise war und wir nicht selten zu hören bekamen: ‚Das könnt ihr doch mit einem Baby nicht machen‘, hatte ich schon Bedenken, ob das alles so werden würde, wie wir uns das vorstellten. Wie klappt das Wickeln unterwegs? Wie wird das mit dem Essen für Smilla? Was ist, wenn sie krank wird oder es in Strömen regnet? Aber auch diesmal war es so wie bei den anderen Reisen: Wir sind einfach gestartet und haben die Dinge auf uns zukommen lassen. Wie bei jeder Reise hat sich ein Problem nach dem anderen von selbst gelöst und die Dinge haben sich einfach ergeben. Wichtig dafür ist allerdings, dass man im Kopf locker bleibt und nicht unbedingt Ziele erreichen muss. Um uns selbst den Druck zu nehmen, haben wir der Reise das Motto gegeben: „Minimal ein Tag und maximal ein Jahr“. Wir wollten so lange unterwegs sein, wie es allen Spaß macht. Wenn etwas nicht geklappt hätte oder Smilla die Reise nicht genossen hätte, wären wir eben zurück geflogen. Diese Grundhaltung ließ uns flexibel auf jede Situation reagieren.“
 
Wie haben Eure Erwartungen sich bewahrheitet oder als Hirngespinste herausgestellt? Was war die krasseste Abweichung?
 
Wibke Raßbach: „Unsere Erwartungen haben sich dahin gehend bewahrheitet, dass Neuseeland schlicht umwerfend war. Ein landschaftlich absolut beeindruckendes Land! Was für mich eine krasse Abweichung war: Dadurch, dass zu Hause so viele gegen diese Reise waren, hatte ich erwartet, dass uns die Neuseeländer alle komisch ansehen und den Kopf schütteln würden. Aber stattdessen waren die meisten erstmal neugierig und haben nachgefragt. Wir sind so oft eingeladen worden wie in keinem anderen Land zuvor, was sicherlich auch Smilla zu verdanken ist.“
 
Was bedeutet Reisen für die Eltern-Kind-Beziehung?

Wibke Raßbach: „Genau in dieser Hinsicht bin ich sehr froh, dass wir diese Reise gemacht haben und würde sie jederzeit wiederholen. Axel und ich hatten 24 Stunden am Tag für Smilla und uns Zeit. Wann ist das schon während eines normalen Arbeitsalltags möglich? Wir haben alles zu dritt erlebt: das erste Krabbeln, den ersten Zahn und die ersten Gehversuche. Wir waren nicht nur zeitlich zusammen, sondern haben auch viele neue Eindrücke gemeinsam erlebt und Erfahrungen gemeinsam gemacht. Das schweißt zusammen! Man erlebt sich unterwegs als feste Gruppe in einer ständig wechselnden Umgebung – als eine Art Geheimbund.“

Auf Reisen können schon mal die Nerven blank liegen. Wie ist das, wenn ein Kind dabei/dazwischen ist? Was macht das mit Euch als Paar?

Wibke Raßbach: „Ich bin auf Reisen generell ausgeglichener als zu Hause – vielleicht liegt das an der frischen Luft, der Bewegung, den vielen neuen Eindrücken ... Die Nerven lagen nicht sehr oft blank, was sicherlich auch daran lag, dass wir versucht haben, ein Reisemaß außerhalb der Panikzone zu finden. Aber wenn wir uns mal stritten oder die Nerven blank lagen, war das wohl wie bei jeder anderen Familie auch: unschön. Unterwegs ist man allerdings gezwungen, sich schnell wieder zusammenzuraufen, weil man ja 24 Stunden am Tag miteinander auskommen muss.“

Wie reagiert eigentlich ein Kleinstkind auf eine auch Euch völlig neue Welt?

Wibke Raßbach: „Ich denke, dass es leichter ist mit Kleinst- als mit Kleinkindern zu reisen. Für sie ist vor allem wichtig, dass die Bezugspersonen da sind. Für Smilla ist es wahrscheinlich egal, ob wir in Neuseeland unterwegs sind oder den Werraradweg rauf und runter fahren. Für mich gab es den Aha!-Effekt im Flugzeug und bei der Zwischenlandung in Seoul: Ich ging von mir aus und dachte, dass das doch für Smilla alles aufregend und auch beängstigend sein muss. Aber sie bekam gar nicht so viel mit, denn sie verschlief alles seelenruhig.“

Axel Bauer: „Ich denke außerdem, dass ein Baby sehr von seiner Umwelt angeregt wird. Die Welt war für Smilla ja grundsätzlich neu – der Hauptunterschied war, dass wir auf der Reise stets draußen gewohnt haben. Mal war es brütend heiß, mal windig kalt: Ihr hat das geholfen, gesund zu bleiben.“

Wie viel Mehrgepäck kam durch Fräulein Smilla hinzu?

Wibke Raßbach: „Ziemlich viel! Normalerweise versuchen wir mit minimaler Ausrüstung unterwegs zu sein, d. h. zwei Fahrräder und jeder zwei große und zwei kleine Gepäcktaschen. Diesmal kamen noch dazu: ein Radanhänger, ein Kindertragerucksack, ein weiterer Schlafsack plus Isomatte, Windeln, eine Obstreibe, eine Nuckelflasche und natürlich Smillas Kleidung. Es war eine echte Herausforderung alles unterzubekommen. Axel zog Smilla im Anhänger und hatte an den sehr steilen neuseeländischen Bergen (16-20 % Steigung) ganz schön zu kämpfen.“
 
Schon zuhause ändert sich der Rhythmus, wenn ein Kind da ist. Wie ist das auf Reisen? Wie ändert sich der Tagesrhythmus, die -distanz, die Geschwindigkeit? Kriegt man anderen Kontakt zu den Menschen?

Wibke Raßbach: „Das war ein wichtiger Unterschied zu den bisherigen Reisen: der Reiserhythmus. Wir standen morgens auf, bauten das Zelt ab und es gab Frühstück für alle. Während Smilla dann ihr Verdauungsschläfchen hielt, machten wir die ersten Radkilometer. Dann gab es eine ausführliche Mittagspause und Spielzeit für Smilla. Am Nachmittag legten wir noch eine zweite Radetappe ein und so gegen 17 Uhr suchten wir nach einem Schlafplatz. Während wir radelten, schlief Smilla und wenn wir eine Pause brauchten, war sie putzmunter und fidel. Da mussten wir uns oft zusammenreißen, um sie noch zu bespielen. Insgesamt sind wir viel kürzere Strecken gefahren und haben mehr Pausen gemacht. An Regentagen sind wir nicht wie sonst weiter gefahren, sondern haben uns irgendwo ein festes Dach über dem Kopf gesucht und gewartet, bis es besser wurde.“

Axel Bauer: „Die Kiwis sind von Natur aus gutmütig. Es kam sogar vor, dass wir von einem netten Mann auf der Straße gefragt wurden, ob wir bei seiner Familie übernachten und uns ausruhen wollten. Herausgekommen ist eine schöne Freundschaft. Die lachende Smilla in ihrem Anhänger hat so manche begeistert.“

Kommen auch andere Leute auf die Idee, mit ihren Kindern so lange und weit zu vereisen?

Wibke Raßbach: „Als ich schwanger war, hörten wir in Halle (Saale) einen Diavortrag von einem Paar, das mit seinem Sohn zweieinhalb Jahre lang unterwegs war. Wenn man sich erst einmal mit dem Gedanken befasst, hört man immer mal wieder von Familien, die mit Kindern unterwegs sind oder waren. Wir haben auf unserer Reise z. B. eine französische Familie getroffen, die mich sehr begeistert hat: Die waren mit drei Kindern ein ganzes Jahr unterwegs!
Wir haben allerdings noch niemanden mit einem Baby getroffen. Irgendwie hält sich die Ansicht, dass ein Kind im ersten Lebensjahr ein festes Haus braucht. Ich finde: Seit Jahrtausenden beweisen Nomadenfamilien das Gegenteil!“
 
Seid Ihr nur mit Rädern und Kindertransporter unterwegs gewesen? Wenn nein, wie habt Ihr Smilla sonst transportiert?

Wibke Raßbach: „Die ersten fünf Monate waren wir nur mit Radanhänger unterwegs. Dann kam langsam der Winter mit Schnee und langen Regenphasen. Da haben wir uns in Christchurch einen Minibus gekauft, der hinten mit Bett ausgebaut war und einen Autositz für Smilla dazu. Damit waren wir in der kalten Jahreszeit flexibler. Je nach Wetterlage konnte Smilla nun im Anhänger oder Bus mitfahren und wir konnten uns mit Fahren abwechseln. Bei Regen konnte sich Smilla im Bus austoben und das Windeln Wechseln ging besser vonstatten.“
 
Wie sieht das technische Resümee der Reise aus? Gab es Überraschungen? Was würdet Ihr an der Ausrüstung ändern, wenn es morgen wieder losginge?

Axel Bauer: „Es gab außer dem zerrissenen Zelt (im Sturm am Mt. Cook) und eine von Keas, den Bergpapageien, durchlöcherten Anhängerplane zum Glück nur kleine Pannen, die wir selbst reparieren konnten. Die Herausforderung ist, so wenig wie möglich mitzunehmen, denn eigentlich ist alles Gepäck ja nur Ballast. Die Ausrüstung sollte nur aus Lieblingsteilen bestehen – wenn man nur ein T-Shirt dabei hat, sollte man es auch mögen.“
 
Was braucht man mit einem Kind in der weiten Welt?

Wibke Raßbach: „Wir hatten eine Kinderapotheke dabei (Fiebermittel, Hustensaft, ein Mittel gegen Durchfall ...), haben sie aber zum Glück nur wenig gebraucht, denn Smilla war nur ein Mal krank. Ansonsten hatten wir eine kleine Obstreibe für Brei dabei (wir haben es ohne Gläschen geschafft). Getrunken hat Smilla aus der Radflasche und ich habe sie die ganze Reise über gestillt, was natürlich eine große Erleichterung war. Ich hatte noch hier in Deutschland ein Paket mit Kleidung vorbereitet, das meine Mutter auf Signal postlagernd losgeschickt hat. Wir hatten Smillas Sachen eine Nummer zu groß mitgenommen und sie ihr angezogen, bis sie zu klein waren. Dadurch sind wir mit nur einem neuen Kleidersatz in der Mitte der Reise ausgekommen.“

„All four seasons in one day“ sagt man über Neuseeland – wie machte sich der Hänger im stetig wechselnden Wetter?
 
Wibke Raßbach: „Sehr gut. Wir hatten im Sommer schon mal 35 Grad Celsius, da haben wir alles aufgemacht und der Sonnenschutz kam zum Einsatz. Durch den Fahrtwind hatte Smilla trotzdem ein gutes Reiseklima. Wenn es regnete, machten wir alles zu – und bei starkem Regen kam noch die zusätzliche Regenplane drauf. So saß Smilla immer im Trockenen. Bei langen Regenphasen und wenn der Hänger nachts draußen stand, weichte er allerdings langsam durch. Dann mussten wir mal ein paar Tage eine Trockenphase einlegen.
Jetzt ist hier Winter und in Thüringen liegt ordentlich Schnee. Ich fahre Smilla trotzdem jeden Tag sechs Kilometer in den Kindergarten. Aber selbst jetzt macht es Spaß, mit ihr draußen zu sein. Sie ist in ihrem Schlafsack gut eingepackt und kann die vorbeiziehende Schneelandschaft genießen. Wir wohnen im Thüringer Wald – Wintersportgebiet erster Güte. Dank des Chariot-Skisets können wir am Wochenende nun zu dritt Skifahren gehen. Da Axel Smilla zieht, haben wir auch endlich die gleiche Geschwindigkeit!“

Seit Eurer Rückkehr haltet Ihr Diavorträge über die Reise. Welche Fragen werden Euch vom Publikum am häufigsten gestellt?

Wibke Raßbach: „Frage Nummer eins wird meist von Männern gestellt: „Wo geht die nächste Reise hin?“ Dann antworten wir, dass es viele Ideen gibt, wir uns aber noch nicht entschieden haben.“
Frage Nummer zwei kommt meist von Frauen; Sie wollen wissen, was wir gemacht haben, wenn Smilla krank war. Unsere Antwort: „Sie war glücklicherweise nur ein Mal krank, und da waren wir gerade zu Gast bei einer sehr lieben Familie, die uns geholfen hat, ihre Erkältung loszuwerden.“
Die dritthäufigste Frage kommt wieder von Männern: „Fotografiert ihr digital oder analog?“ – Wir fotografieren analog auf Diafilm. Das ergibt die schönsten Farben auf der Leinwand und ist glaubwürdiger als die Digitaltechnik, die man im Nachhinein noch bearbeiten kann.“

Herzlichen Dank für das Interview und toi, toi, toi für das nächste Familien-Fahrrad-Abenteuer!

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