Das Culture von Riese und Müller
Was wirklicher Komfort ist, kennen viele Radfahrer nur vom Autofahren. „Beim Auto braucht man kein Werkzeug, und die Bremse verstellt sich auch nicht, wenn der Sitz eingestellt wird“, tönt Bettina Cibulski, Pressesprecherin des Fahrradclubs ADFC. Auch fände man ein durchkonzipiertes Armaturenbrett und einheitliche Schalter, bei deren Betätigung eine Rückmeldung komme.
Selbstverständlich erwartet man auch nicht, daß man vor jeder Fahrt das Licht kontrollieren muß. Etwas was Fahrradfahrer - aufgrund der anfälligen Technik - immer machen sollten.
Mehr Komfort ist deshalb gefragt, sagt auch der ADFC und hat aus diesem Grund einen Wettbewerb für das Komfortrad 1999 ausgeschrieben. Der alle zwei Jahre verliehene Titel „ADFC-Fahrrad des Jahres“ ist heiß begehrt, verspricht er doch steigenden Umsatz und einen starken Imagegewinn.
Berechtigte Hoffnung als Sieger bei der Preisverleihung im Herbst auf dem Treppchen zu stehen, kann sich auch die Firma „Riese und Müller“ machen. Denn die beiden Darmstädter Ingenieure Markus Riese und Heiko Müller, die bisher vor allem durch das erste vollgefederte Faltrad „Birdy“ für Aufmerksamkeit sorgten, und auch nur knapp bei der Wahl des ADFC-Rades 1996 unterlagen, haben zwei neue vollgefederte Räder entwickelt: Das Citybike „Avenue“ (2000 Mark) und das Sport-Touringbike „Culture“ mit einem sehr ähnlichen Rahmen. Je nach Ausstattung und Farbe kostet das „Culture“ zwischen 2000 (blau) beziehungsweise für 2800 Mark (orange). Letzteres erzielte beim „5. Shimano European Bicycle Design Contest 1997“ in Mailand den zweiten Platz.
Die auffällige sehr gelungene Rahmengeometrie ermöglicht nicht nur eine Vollfederung, sondern auch einen sehr tiefen Durchstieg von 45 Zentimeter. Das „Culture“ soll - laut Hersteller - das erste vollgefederte Sporttouringbike (STB) sein. Die neue Gattung STB hat vor allem der Komponentenhersteller Shimano geprägt.
Die „Kulturräder“ unterscheiden sich nicht nur in Farbe und Preis, sondern auch in der qualitativen Wahl der Ausstattung. Während beim „Culture orange“ eine 24-Gangversion (Shimano-Nexave) gewählt wurde, verfügt das 800 Mark billigere „Culture blue“ über drei Gänge weniger und eine einfachere Mischausstattung aus Shimano-Alivio Komponenten (Naben, Kurbel, Kranz), Drehgriffschalter von Grip Shift und V-Bremsen von DiaCompe.
Was wir bei der Probefahrt allerdings sehr vermißt haben, war eine serienmäßig montierte Lichtanlage und eine Klingel. Sogar einen Frontreflektor suchte man vergeblich. Das „Culture blue“ ist deshalb genau genommen nicht für den Straßenverkehr zugelassen. Zur Verteidigung des Unternehmens sei angemerkt, das sowohl das „Culture orange“ als auch das „Avenue“ nur in straßenfertigen Versionen verkauft werden.
Daß heute immer noch Räder ohne Licht angeboten werden dürfen, ist eigentlich ein Unding, das der Gesetzgeber schleunigst beseitigen sollte. Zum Schutze aller Verkehrsteilnehmer!
Doch so lange es ganz legal ist (eigentlich müßte auf dem Rahmen ein Sticker auf den alleinigen Einsatz als Sportgerät hinweisen), werden auch viele Hersteller weiterhin lichtlose Räder verkaufen. Der Konkurrenzdruck ist groß und der Kunde schaut - leider - zuerst auf den Preis und dann auf die Ausstattung.
Allerdings sei noch einmal an den Komfortgedanken des ADFC erinnert. Man stelle sich vor, Mercedes oder VW würden ihre Autos ohne Scheinwerfer und Hupe verkaufen...
Um Mißverständnisse zu vermeiden: Hätte das „Culture blue“ eine Lichtanlage gäbe es so gut wie nichts an dem Rad zu kritisieren. Denn was die Ingenieure an erstklassiger Technik eingebaut haben, kann sich sehen lassen. Besonders die Verarbeitung und die Fahreigenschaften haben uns überzeugt. Vorbildlich die Vollfederung. Die Elastomerfedergabel und die Öl-Luft-Hinterradfederung (Federweg 70 mm) schlucken spielend leicht selbst gröbste Unebenheiten, wie Bordsteine, Kopfsteinpflaster oder Wurzeln. Auch über Treppen kann man mit dem Rad problem springen. Es ist spurtreu und jederzeit beherrschbar. Hier ist eindeutig erkennbar, daß sehr gute Mountainbiketechnik ausgewählt wurde, im Gegensatz zu vielen anderen Rädern, bei denen die Federung nur als verkaufsförderndes Argument eingebaut wurde.
Durch den - übrigens hervorragend verarbeiteten - Aluminiumrahmen bleibt das Gewicht beim Culture unter 15 Kilogramm (14,8 kg), man gewinnt allerdings an Kilo, wenn man zum vollausgestatteten Orangen greift (16,4 kg).
Auf den integrierten Gepäckträger des auffälligen Rades kann mittels Adapter schnell ein Kindersitz montiert werden. Die erforderlichen Bohrungen am Rahmen, sind - wie auch für ein Abusbügelschloß - bereits vorhanden. Auch Satteltaschen lassen sich schlackerfrei montieren, eine spezielle Befestigung gibt es im Zubehörprogramm. Oberhalb der Gabel läßt sich ebenfalls einfach mit zwei Schrauben ein Einkaufskorb direkt am Rahmen befestigen. Soviel Weitsicht und Universalität verdient ein dickes Lob.
Sämtliche Räder werden in Taiwan produziert. Riese und Müller machen daraus kein Geheimnis. Durch ständige Vor-Ort-Kontrolle soll gleichbleibende Qualität garantiert werden. Montagsräder kann sich junges und vergleichsweise kleines Unternehmen auch nicht leisten.
Allerdings wird so manchen der Preis von 2000 Mark abschrecken. Doch ein vollgefedertes Rad mit Aluminiumrahmen, das diesen Namen auch verdient ist nun ein wenig teurer. Und will man in der Spitzenklasse mitfahren, sollte man noch einmal 800 Mark drauflegen und zum „Culture orange“ greifen, denn die Shimano-Nexaveausstattung ist derzeit in Puncto Komfort und Sportlichkeit nur schwer schlagbar.
Den recht hohen Endverbraucherpreis, wollen die Darmstädert durch erstklassigen Service rechtfertigen. So gehört auch zum Firmenkonzept, dem Händler Vorführräder zur Verfügung stellen. Etwas, was leider immer noch nicht bei Fahrradherstellern zum Standard gehört, sondern von vielen Einzelhändlern auf eigene Kosten angeboten wird. Ab Februar werden die ersten Händler mit den drei neuen Rädern beliefert.

